Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Solo für Jedermann
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Solo für Jedermann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:24 21.10.2013
Einer für alle: Der tanzende, singende und schauspielernde Philipp Hochmair gibt einen virtuosen Jedermann ab — und er stellt auch alle Haupt- und Nebenrollen dar. Quelle: Friedemann Simon

Seit der Berliner Uraufführung 1911 haben sich auf Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ dicke Staubschichten abgelagert. Und längst ist es nicht ohne eine gewisse Peinlichkeit, wenn das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ alljährlich in Salzburg vor einem betuchten Publikum zelebriert wird.

Höchste Zeit, dem Muff etwas entgegenzusetzen, dachten sich wohl die Verantwortlichen in Salzburg und hievten zusätzlich zum reichlich verkalkten Klassiker einen putzmunteren Alternativ-„Jedermann“

ins diesjährige Festspielprogramm. Ein Anti-Weihespiel, entstanden in Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, wo es nun seine umjubelte Heimpremiere hatte.

Der Regie führende Sebastian Kraft erweist sich mit dieser Inszenierung als wahrer Teufelskerl. Er hat die Chuzpe, das brave Drama in eine fulminante One-Man-Show zu verwandeln mit einem grandios spielenden, tanzenden, singenden Philipp Hochmair als solistischem Zauberer, der neben der Haupt- auch sämtliche Nebenrollen schultert, stimmlich und gestisch staunenswert differenzierend von Figur zu Figur.

Immerhin steht der Schauspieler nicht hundert Minuten lang allein auf der Bühne. Musikalisch mischt die amerikanische Sängerin Simonne Jones kräftig mit ihrem Indie-Pop mit. Simonne Jones ist ein Multitalent wie Hochmair, ein ganzes Arsenal von Instrumenten beherrscht die 1987 in Hollywood geborene Musikerin, das Eine-Frau-Orchester trifft auf ein Ein-Mann-Ensemble.

Der Regisseur stellt beide hinein in ein Ambiente (Bühne: Peter Baur), das einer technisch hochgerüsteten Disko gleicht. Sebastian Kraft katapultiert Hofmannsthals längst etwas ranzigen Stoff ins elektronische Zeitalter, und zwar so, dass man erstaunt feststellen muss: Die ollen Kamellen sind noch genießbar. Mehr noch: Sie sind ein Genuss. Weggepustet alle Requisiten aus der Mottenkiste. Die Digitaluhr ersetzt das Stundenglas beim Countdown bis zu Jedermanns Tod, die im Schädel eines menschlichen Gerippes eingebaute Handkamera verfolgt den Protagonisten überall hin und projiziert sein Gesicht im Großformat auf die hier endlich einmal sinnvoll genutzte Videowand, und per Tritt auf eine Fußtaste erscheint sofort der Name der gerade von Hochmair verkörperten Figur auf der elektronischen Anzeigentafel. Wie praktisch.

Die Technik funktioniert nahezu fehlerfrei, und so ist der Boden bereitet für schauspielerische Kabinettstücke in Serie. Schaurig schön der Moral-Dialog, den der noch sorglose Jedermann mit seiner besorgten Mutter führen muss. Sie ist ein lebensgroßes Skelett, er der virtuose Puppenspieler, der das Gebiss der knöchernen Marionette klappern und ihren Kopf wackeln lässt. Und dasselbe Gerippe figuriert später beim Festmahl als Buhlschaft, mit der Jedermann einen Tanz der sehr besonderen Art tanzt.

Es ist sein letzter. Bald darauf ertönt der unheilschwangere „Jedermaaannn“-Ruf, und der Tod in Gestalt von Simonne Jones zieht den Stecker heraus. Da bleibt dem um Aufschub bettelnden Jedermann gerade noch ein Stündlein auf der Digitaluhr.

Man mag anderes vermuten, aber Kraft und Hochmair spielen Original-Ton, und zwar sehr respektvoll. Nur einmal, beim Finale, erlauben sie sich einen Scherz. Wenn der plötzlich zum Glauben bekehrte Jedermann großspurig zum Bühnenhimmel auffährt und die über die Stuhlreihen im Parkett hinweg balancierende Sängerin ihren letzten Song singt, wird das arg frömmelnde Stück frisch-fröhlich-frei auf die Schippe genommen.

Nächste Vorstellungen: Sonnabend, 26. Oktober, 14 Uhr; Freitag, 8. November und Sonntag, 10. November, jeweils 20 Uhr; Karten: (040) 32 81 44 44.

Von Berlin nach Salzburg
„Jedermann — Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ ist ein Stück, das die mittelalterlichen Mysterienspiele zum Vorbild hat. Hugo von Hofmannsthals Drama wurde am 1. Dezember 1911 im Berliner Zirkus Schumann unter der Regie von Max Reinhardt uraufgeführt. Seit 1920 ist der „Jedermann“ fester Bestandteil der Salzburger Festspiele, die Hofmannsthal mitbegründet hat. Der reiche, hartherzige Jedermann kann im Angesicht des Todes einen kurzen Aufschub erbetteln, um sich einen Fürsprecher zu suchen, der für ihn vor Gottes Gericht aussagt.

Hermann Hofer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Landesjugendorchester Schleswig-Holstein gab sein Herbstkonzert in der Lübecker Musikhochschule.

21.10.2013

Wegen großer Nachfrage wird Diedrichshäger Klimbim 2 noch einmal aufgeführt.

21.10.2013

Bob Dylan gab gleich zwei Konzerte im Hamburger CCH.

21.10.2013
Anzeige