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Solo für einen Erloschenen

Kiel Solo für einen Erloschenen

 Edgar Selge brilliert in „Unterwerfung“ nach Michel Houellebecq am Schauspielhaus Hamburg. Der Applaus ist so überbordend, zustimmend und anhaltend, dass man schon mal sicher sein kann, was der Abend nicht ist: eine Provokation.

Kiel. Gute zweieinhalb Stunden hat Edgar Selge auf der Bühne gestanden, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg mit seiner charismatischen Präsenz gefüllt, doziert und gejammert, gezweifelt, erzählt und sehr intelligent unterhalten.

„Das iss‘ er, der Houellebecq“, sagt der Schauspiel-Star erstmal, hält ein Plattencover mit dem Konterfei von Frankreichs umstrittenem Autor in die Höhe und macht die Rolle gleich klar, die er in „Unterwerfung“ spielt, der Uraufführung des von Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier theatralisierten Romans von Michel Houellebecq. Ein schlau provokantes Spiel mit Machotum und gängigen Überfremdungsängsten, das vor gut einem Jahr am Tag der Anschläge auf das Pariser Satire-Magazin „Charlie Hébdo“ herauskam und als ein Zeichen der Zeit wirkte. Kein Wunder, dass es nach Hamburg auch bald in Dresden und Berlin auf die Bühne kommt.

Selge sieht mit Parka, der schmalen Figur und dem fusselig-schütteren Haupthaar nicht nur ein bisschen aus wie der Franzose. Er begibt sich auch direkt in den Dienst des Autors, als Erzähler und Vermittler von dessen satirisch-garstiger Nächste-Zukunftsvision, in der Frankreich seine westlich-demokratischen Werte einigermaßen lässig über Bord kippt und sich in einer — zumindest für den männlichen Teil der Gesellschaft — ganz kommoden, moderaten islamischen Diktatur einrichtet. In der hat man die Rechtsregierung unter Führung des Front National erfolgreich abgewendet, wird die Sorbonne großzügig von den Saudis finanziert, und die Frauen garantieren dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung, indem sie zu Hause bleiben und das Feld den Männern überlassen.

Selge ist aber auch Houellebecqs Hauptfigur, dieser schlaffe, vom Leben angeödete Literaturdozent mit Sex-Tick, der die Machtergreifung zusehends elektrisiert verfolgt. Dieser François ist ja im Roman immer beides: Erzählender und Erzählter. Und Selge lässt ihn so filigran wie grandios lässig auf dem Grat zwischen Rolle und Figur kippeln. Spielt Kabarett und entlarvende Komik. Er schlenkert den frauenverbrauchenden Macho mit unverschämtem Stromberg-Appeal herbei, ist Würstchen, Clown und Schlitzohr — ein Geschöpf des Wirtschaftsliberalismus, abgelöst von alten Werten und angetrieben von der Frage: Was ist dabei für mich drin? Dass er jetzt gleich drei Frauen zu Hause halten darf, ist da ein echtes Argument.

Olaf Altmann hat dazu eines seiner monumental zeichenhaften Bühnenbilder entworfen, eine schwarze Wand, in deren Mitte sich eine riesige ausgestanzte Kreuzform dreht, Symbol und Spielraum zugleich.

In den zwängt sich Edgar Selge hinein, hängt sich auf in ungemütlicher Schieflage, rollt und fällt darin herum — und es ist ganz offensichtlich, wie hier einer nicht heimisch wird im christlich-humanistischen Wertesystem. Und dass die Hohlräume immer höher drehen, für Selge zusehends schwieriger zu erreichen sind, macht die Sache nicht besser.

Karin Beier bleibt dicht an Houellebecqs Roman. François‘ Sexbesessenheit, die mit der Geringschätzung der Frauen einhergeht, ist da ebenso Thema wie die politischen Wertesysteme der französischen Demokratie und der fiktiven Muslimbrüder, die Houellebecq so schlau perfide aneinander misst und reibt. Bis sie gar nicht mehr so weit auseinander liegen. Edgar Selge macht daraus eine fantastische schauspielerische Tour de force. In Beiers geradliniger Inszenierung aber hätte sich einiges mehr von dem Unbehagen verbreiten dürfen, das sich bei der Lektüre unweigerlich einschleicht.

Weitere Termine: 10., 16., 17. Februar, Kartentelefon: (040) 2487 13.

Ruth Bender

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