Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Songs über Seelen im Stau
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Songs über Seelen im Stau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:12 16.10.2017
„Ich bin nicht der beste Gitarrist der Welt, aber ich klinge wie kein Zweiter“: Chris Rea. Quelle: Foto: Arifoto/dpa, Andy Earl
Hannover

Auch „Driving Home for Christmas“ ist eines von ihnen, und er vereint all das, was Chris Rea ausmacht: die Stimme, heiser wie ein Husky, den noblen Pop, die beruhigende Melancholie, die Sehnsucht nach Familie und ein bisschen Sicherheit. Rea ist ein Dezembersänger. Doch nach seiner Krebserkrankung Anfang des Jahrtausends und der riskanten Bauchspeicheldrüsen-OP tat er erst einmal das, was er wirklich wollte. Er malte Bilder von blauen Gitarren und erforschte den Blues, die Musik, die er am liebsten hat. Mit dem Mammutprojekt „Blue Guitars“ dokumentierte er die komplette Blues- Geschichte: in 137 Songs.

Er hat diese besondere Stimme, und er hat diese besondere Art, Gitarre zu spielen. Jetzt kann man beides in neuen Songs hören. „Road Songs for Lovers“ heißt das aktuelle Album von Chris Rea, Lieder eines Mannes, der sich auskennt mit Songs für die Straße.

Bald in Hamburg

Chris Rea (66) stammt aus dem englischen Middlesborough, wo sein Vater eine Eisdiele betrieb. Erst mit 19 begann er, Gitarre zu spielen, setzte dann aber an zu einer Weltkarriere. Jetzt ist er mit seinem neuen Album auf Tournee. Am 28. Oktober spielt er in Hannover, am 29. im Mehr!Theater in Hamburg.

Nun ist er zu seinem Dezemberpop mit Wohlfühlaroma zurückgekehrt. Die Idee für sein neues Album „Road Songs for Lovers“ hatte er, während er mit seinem BMW X3 im Stau steckte und die Menschen um ihn herum beobachtete. „Ich bin ein guter Beobachter“, sagt der 66-Jährige, der ursprünglich Journalist werden wollte. Sobald er zwei Menschen in einem Auto sieht, spekuliert er: Ob die beiden wohl ein Paar sind? Sind sie glücklich? Immer noch verliebt? Woran denken sie? Sind sie vielleicht einsam?

Auch während des Telefoninterviews spricht er mit dieser Husky- Stimme. Sie klingt, als fühle sie sich umzingelt von desillusionierten Menschen, von Seelen im Stillstand. Stimmt das? „Absolut“, antwortet Rea. Deshalb singe er immer wieder über Einsamkeit, obwohl er selbst schon lange den Halt gefunden hat, nach dem sich so viele sehnen. Er und seine Frau Joan haben sich mit 16 kennengelernt. Für die beiden Töchter hat er Songs geschrieben, die zu seinen größten Hits zählen: „Josephine“ und „Julia“.

Nach seinem Schlaganfall im vorigen Jahr ermunterte ihn seine Frau, wieder auf Tournee zu gehen. „Tu etwas“, habe sie ihm geraten. „Nimm eine Herausforderung an.“ Denn sie weiß: Stillstand tut ihrem Mann nicht gut. „Moving on“, einer der neuen Songs über die unendliche Hast, die einen nie zur Ruhe kommen lässt, ist wohl ein Selbstporträt. „Yeah“, sagt er, „ich muss immer weiter. Manchmal frage ich mich: Warum hältst du nicht einfach mal inne und genießt die Dinge, die du hast?“

Die Folgen des Schlaganfalls behindern ihn bis heute. „Nicht beim Autofahren“, sagt der AmateurRennfahrer. Denn dabei könne er ja sitzen. Im Stehen aber, im Übungsraum oder auf der Bühne, plagten ihn Gleichgewichtsstörungen. Auch habe er Probleme mit der linken Hand, seiner Greifhand. Er habe hart üben müssen, damit er bei den 37 anstehenden Konzerten die für seinen Sound typische Gitarre spielen kann, die zwischen Singen und Schreien schwebt. Einen Ersatzmann zu engagieren, war für ihn undenkbar. „Ich bin nicht der beste Gitarrist der Welt, aber ich klinge wie kein Zweiter.“

In „Nothing left behind“, dem schönsten Lied des neuen Albums, versucht jemand, seinem Kummer davonzufahren. Er flüchtet sich in die Nacht, fährt durch die Finsternis bis zum nächsten Morgen, bis nichts mehr übrig ist vom Schmerz der Liebe: „Till the blue Sky kills the Grey“. „Blue sky“ ist eine von Reas Lieblingsmetaphern. Auch in vielen alten Stücken besingt er den hoffnungsvollen Himmel.

Sah er, nachdem er Krebs oder Schlaganfall überlebt hatte, ein anderes Blau als vorher? „Nein“, sagt er, „aber die Schönheit des Himmels fällt mir seitdem eher auf“.

Im Stau zu stecken, inspirierte den Musiker schon früher. Seinen Hit „The Road to Hell, Part II“ schrieb er, als es auf der M4, die London mit der englischen Südküste verbindet, nicht mehr vorwärts ging. Auch „Driving Home for Christmas“ ist ein Stausong. Der Einfall kam ihm im Austin Mini auf dem Weg nach Middlesborough.

Ist so ein Täglich-grüßt-das Murmeltier-Lied, das immer wiederkehrt, eigentlich Fluch oder Segen? Er sei froh darüber, sagt er, wie über jeden seiner Greatest Hits. Deshalb spiele er sie auch in seinen Konzerten – und kaum Blues-Experimente. „Die Hits haben mein Leben geprägt, und sie haben mir das Leben als Musiker erst ermöglicht.“ Und seine Fans, da ist er sich sicher, wollen nichts anderes hören. Speziell „Driving Home for Christmas“, offenbart er, finanziert ihm bis heute den Urlaub.

Von Mathias Begalke

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Staatstheater Schwerin inszeniert Verdis große Oper „Otello“ als zeitgeschichtliches Monument.

16.10.2017

Für den christlichen Bestseller-Autor Pater Anselm Grün (72, Foto) spielt Religionsfreiheit eine zentrale Rolle für eine offene und demokratische Gesellschaft.

16.10.2017

Bernd Ruf und die Bigband der Musikhochschule Lübeck haben bei fünf Konzerten das taiwanesische Publikum begeistert. Die Bigband der Musikhochschule Lübeck mit ihren 24 Musikerinnen und Musikenr präsentierten Songs ihrer aktuellen CD „Timeless Changes – LübeckSounds“.

14.10.2017