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Sound der 90er

Lübeck Sound der 90er

Zwei Jahrzehnte nach dem Zenit der Loveparade stirbt die Clubszene, Techno-DJs wie Mirko Mathéjczyk aus Lübeck sind ernüchtert. Da ändert auch der Erfolg von Stars wie Felix Jaehn nichts.

„Techno ist heute etwas anderes als damals“: DJ Mirko Mathéjczyk (42) aus Lübeck-Travemünde.

Quelle: Olaf Malzahn

Techno. Manchmal, in seltenen Momenten, ist dieses Gefühl wieder da. Gänsehautfeeling nennt er es. Dann steht er inmitten eines Clubs irgendwo in Hamburg, die Beats wummern, die Menschen jubeln und feiern, es ist wie früher, wie damals, in den 90ern, als alles neu war, als alles möglich schien. Techno, Mayday, Rave. Revolutionär, aufregend das Ganze. Friede, Freude, Eierkuchen. Deutschland, ein Rausch.

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Zwei Jahrzehnte nach dem Zenit der Loveparade stirbt die Clubszene, Techno-DJs wie Mirko Mathéjczyk aus Lübeck sind ernüchtert. Da ändert auch der Erfolg von Stars wie Felix Jaehn nichts.

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Mirko Mathéjczyk (42) beugt sich über seinen Tee, er trägt einen Hoody, es ist ein trüber Tag in Travemünde, er ist um die Ecke aufgewachsen. Er hat im Eishaus aufgelegt, im Bambu in Neustadt, im Nautic in Timmendorf, hin und wieder auf dem alten Riverboat in Lübeck, auf dem neuen Riverboat, er war der erste, der im Rider’s, dieser zähen Rock-Keimzelle am Rand von Lübeck, Techno spielte, immer dienstags, in den Ferien im Winter. „Rider’s & Friends“ hieß das Projekt, und wenn es heute die meisten dieser Clubs nicht mehr gibt, sagt es womöglich einiges über die Zeit. Vor allem aber sagt es etwas über Lübeck, diese chronisch verschuldete Stadt, mit einem Altersschnitt von gefühlt 50 Jahren.

Er war 13, 14 Jahre alt, als er sich ein paar Meter entfernt von hier seine erste Anlage kaufte, jeden Sonnabend saß er abends mit dem Rekorder vor dem Radio, NDR2, „Maxis Maximal“ hieß die Sendung, Tapes mitschneiden, darum ging es. Seine erste gekaufte Platte war von Iron Maiden. Ziemlich harter Stoff also, so oder so. Als ein Freund ihm aber erklärte, dass sie dringend nach Hamburg müssten, weil da genau die Musik laufe, die sie hören wollten, „Musik mit Geigen und so“, geriet er in größere Zusammenhänge. Am Ende waren die Geigen keine Geigen, was sie hörten, war Dr. Motte, der Mann also, der als Erfinder der Loveparade gilt und galt, der Abend war eine Offenbarung. Die Dinge nahmen ihren Lauf.

Mirko Mathéjczyk sitzt da und redet, ein Gespräch mit ihm ähnelt der Fahrt mit einer Achterbahn, er rast in Gedanken hierhin, rast dorthin, stoppt unvermittelt, er spricht über Beats, über den Unterschied von House und Dancefloor, er redet über seine erste Arbeit als DJ im Kaiser Keller in Travemünde, er war noch keine 17. Eigentlich ist er gelernter Energieelektroniker; ein Freund konnte Fernseher reparieren, er fand das spannend, zunächst zumindest, in Wirklichkeit aber interessierte ihn immer nur Musik. 11 Mark kostete damals eine Maxisingle, Importware war etwas teurer, viel Geld ist in den Anfangsjahren draufgegangen, aber das spielte keine Rolle. Stundenlang saß er in seinem Zimmer, mischte Tracks, probierte Übergänge, der Rhythmus musste passen, es war laut, die Eltern waren genervt, und in Berlin tanzten mehr als eine Million Menschen auf Plateauschuhen unter der Siegessäule. Flower-Power. Oder wie immer man es nennen will.

Seine erste Mayday hörte er auf DT64, zur zweiten ist er dann persönlich gefahren, tausende Menschen, Lichter, Nebel, verrückte Party, verrücktes Leben. Die Mayday gibt es noch, jedes Jahr in Dortmund in der Westfalenhalle, jedes Jahr ausverkauft, aber das, sagt Mirko, sei breite Masse.

Während DJs wie Felix Jaehn mit ihren Auftritten Hunderttausende verdienen, ist es um ihn mit seinen 42 Jahre ruhiger geworden, er ist ruhiger geworden. Die wenigsten DJs von damals legen noch auf, die wenigsten können davon leben. Die Clubszene im Norden ist in sich zusammengefallen wie ein Ballon nach der Landung; Abaco, Bambu, alte Ziegelei, Queens, ein Vakuum entstand. Die Gründe? Darüber, sagt er, grübelt die Szene. Seine Theorie: „Die Leute gehen nicht weniger weg. Die gehen anders weg.“ Mehr Festivals, mehr Motto-Partys. „Bei uns musste der Sound gut sein, der DJ musste einen guten Job machen. Heute kommen die Leute nicht mehr wegen der Musik, das Drumherum muss stimmen. Besondere Deko, besondere LED-Leinwände.“ Er selbst hat sich inzwischen mit Eventgastronomie selbstständig gemacht, Kaffee und Kuchen auf der Kieler Woche, Cocktails auf der Travemünder Woche, solche Dinge. Aber er feiert noch gern, legt auch noch regelmäßig auf, bei den PinkPirates-Partys etwa, allerdings, er führt jetzt eher eine Art Gemischtwarenladen, mehr Mainstream, Schlager und Hochzeiten nicht ausgeschlossen. In seinen Anfängen bewunderte er Marusha, Dr. Motte, beide sind jetzt über 50 Jahre alt, und er macht sich darüber Gedanken, ob er, statt fremde Songs zu spielen, nicht doch eigene Tracks hätte produzieren sollen; „vielleicht wäre ich jetzt ein Star.“ Sagt es und lacht.

Er kneift die Augen zusammen. Draußen vorm Café flanieren Touristen, er rührt in seinem Tee, während er weiter laut nachdenkt, Wehmut in jedem Wort. Klar müsse man nach vorne blicken, sagt er, es gehe nicht immer zurück. „Aber wenn ich dann in Hamburg bei einer Revivalparty bin und sie spielen den Sound der 90er: Gänsehautfeeling.“

Megaevents Loveparade und Mayday

war die erste Jugendkultur, die maßgeblich in Deutschland geprägt wurde. Der Begriff wurde dem Magazin Neon zufolge wohl erstmals 1982 in einem Frankfurter Plattenladen verwendet.

Marusha, Westbam, Sven Väth, Paul van Dyk – sie alle sind in den 90ern groß und heute erwachsen geworden; in der Zeit nach der Wende, als sich in Berlin, dem Epizentrum dieser neuen Musik, Ost und West vereinten.

Loveparade und Mayday wurden zu Megaevents, auf der die Raver Toleranz feierten. Heute ist Techno nicht tot, elektronische Musik gehört in die Clubs; je größer die aber sind, desto weniger Underground.

Marion Hahnfeldt

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