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Kultur im Norden „Die Eliten sind abgehoben“
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11:32 21.03.2019
Erzbischof und Protest: Reinhard Kardinal Marx geht vorbei an Demonstranten, die auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufmerksam machen wollen.. Quelle: dpa
Lübeck

Dr. Michael Hartmann hat bis 2014 als Soziologie-Professor an der TU Darmstadt gelehrt und sich vor allem als Elitenforscher einen Namen gemacht. Im vergangenen Jahr ist sein Buch „Die Abgehobenen“ (Campus, 276 Seiten, 19,95 Euro) erschienen.

Missbrauch in der katholischen Kirche, der Audi-Chef in Haft, Betrügereien bei den Banken, Franck Ribéry vor einem vergoldeten Steak: Erleben wir gerade ein komplettes Versagen der Eliten?

So weit würde ich nicht gehen, obwohl die katholische Kirche und der Fußball dem schon sehr nahe kommen. Aber die Auswirkungen sind dort für die Gesamtbevölkerung nicht so gravierend wie in Politik und Wirtschaft.

 

Wo liegt die Ursache?

Es fehlt bei den Eliten zunehmend eine Verbindung zur restlichen Bevölkerung. Sie sind abgehoben. Das ist ein Prozess über einen langen Zeitraum, und irgendwann merken sie es nicht mehr.

 Jetzt reicht’s!

Nehmen die Eliten sich zu viel heraus, oder lässt ihnen die Gesellschaft zu viel durchgehen?

Beides. Und es gibt zwar eine Schmerzgrenze, ab der alles ins Kippen gerät, aber die kann man vorher nicht erkennen. Nehmen Sie die Proteste der Gelbwesten in Frankreich: Auf einmal haben Leute in der Provinz begonnen, Straßen zu blockieren. Da war ein Punkt erreicht, an dem sie sagten: Jetzt reicht’s! Das kann irgendwann auch in Deutschland passieren, wobei die Situation hier ökonomisch nicht so zugespitzt ist.

 

Ist der Erfolg der AfD nicht ein Indiz dafür, dass es schon gekippt ist?

In Frankreich gibt es den Erfolg der Rechten in dieser Größenordnung schon seit etwa drei Jahrzehnten. Deutschland ist in dieser Hinsicht eigentlich verspätet. Und der Siegeszug der AfD ist ja auch erst mal gebremst. Trotzdem kann man festhalten, dass die Politik in den letzten zwei Jahrzehnten zugunsten der oberen zehn Prozent und vor allem der oberen Promille agiert hat.

 „Brodelnde Grundstimmung“

Weil Einkommen und Reichtum massiv umverteilt wurden?

Nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Europäischen Zentralbank gehört dem obersten Prozent ein Drittel des Vermögens, die oberen zehn Prozent besitzen zwischen zwei Drittel und drei Viertel. Das ist eine ungeheure Konzentration in Deutschland – mit Österreich und der Schweiz die zweitstärkste nach den USA. Das hat sich massiv verstärkt. Zumal die Verluste der Finanzkrise auch noch von der Allgemeinheit beglichen worden sind. Die Krise hat da zu einem Stimmungsumschwung geführt. Da bewegt sich etwas unter der Oberfläche, eine brodelnde Grundstimmung. Nur ob und wann das aufbricht, kann man nicht sagen.

 

Thomas Eigenthaler, der Chef der Steuergewerkschaft, meint: „Die Reichen reiben sich die Hände und sagen: Mein Gott, ist diese Gesellschaft doof.“

Das ist vielleicht übertrieben. Aber die Reichen wissen schon, wie das Spiel läuft, und sie nutzen alle Möglichkeiten. Man sagt ja immer, Unternehmen in Familienbesitz hätten eine besondere soziale Verantwortung. Aber nimmt man Daimler und VW, dann hat VW trotz Dieselkrise die Dividende erhöht, Daimler sie dagegen gekürzt.

 

Bei der Häufung der Vorfälle hat man den Eindruck: Die Eliten haben noch nie so versagt wie derzeit.

In Deutschland haben sie zwei Weltkriege verzapft, damit verglichen ist das heute harmlos. Aber für die Bundesrepublik ist das Versagen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sicher am deutlichsten, das kann man sagen.

 „Zunehmend in der eigenen Welt“

Wie wichtig sind Eliten für eine demokratische Gesellschaft?

Wir werden wohl nicht erleben, dass es sie nicht mehr gibt. Allerdings hat vor 500 Jahren auch niemand gedacht, dass es mal ohne den Adel gehen würde. Dennoch, die Spitzenpositionen müssen von Leuten besetzt sein, die wissen, was sie tun. Der Punkt ist, ob sie auch verantwortungsvoll handeln. Die Eliten haben sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, eigene Interessen in den Vordergrund zu stellen. Sie haben sich vom Rest der Bevölkerung entfernt und leben zunehmend in ihrer eigenen Welt, in der sie das nicht mehr wahrnehmen. Das gilt im Übrigen auch für Medien. Das ist nicht einmal böswillig, sondern geschieht schleichend.

 

Eliten sind also eigentlich ein Stabilitätsfaktor?

Sie können einer sein, aber im Augenblick sind sie es nicht. Und das liegt wesentlich daran, dass sie ihre Interessen in den vergangenen Jahren relativ bruchlos durchsetzen konnten. Wenn kein Widerstand kommt, dreht man das Rad weiter. Daran gewöhnt man sich ganz schnell. Unter Helmut Kohl lag der Spitzensteuersatz bei 53 Prozent. Wenn man heute damit käme, würden es viele in den Eliten als steuerlichen Raubzug bezeichnen.

 

Sind die Deutschen besonders anfällig für Eliten?

Nein, das variiert über die Jahre. Es gibt da keinen speziellen deutschen Charakterzug.

 „Wir sind die Gewinner“

Aber sie haben die Eliten in den letzten Jahren gewähren lassen, weil es ihnen wirtschaftlich gut gegangen ist?

Ja, aber Widerstand muss man auch organisieren. Zudem haben sich in Deutschland die schlimmen Befürchtungen nach der Finanzkrise nicht bestätigt. Wir sind die Gewinner der Re-Industrialisierung, weil viele andere Länder ihre Industrie weitgehend abgewrackt haben. Unser mittleres Einkommen liegt etwas oberhalb der Neunzigerjahre – in den USA ist es auf dem Niveau der Sechziger.

 

Ist es nicht ein Armutszeugnis für eine demokratische Gesellschaft, Eliten nötig zu haben?

Auch in einer Demokratie müssen ja die Spitzenpositionen besetzt werden. Das Grundproblem ist das Eigentum an Unternehmen. Das merkt man etwa derzeit in der Debatte über die Enteignung von Wohnungskonzernen. Konzerne wie Vonovia sind in den Ballungszentren die wesentlichen Mietentreiber. Daher die Forderung nach Enteignung. Es kann durchaus sein, dass ein entsprechendes Volksbegehren erfolgreich ist. Dann ist es ein Warnschuss für die Politik. Wenn sich da die unterschwellige Stimmung erstmals Bahn bräche, würde es mich nicht überraschen.

Peter Intelmann

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