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Spielfilmpreise: Wohin die Liebe fällt

Nordische Filmtage Spielfilmpreise: Wohin die Liebe fällt

18 Spielfilme stehen in diesem Jahr im Wettbewerb um die Spielfilmpreise. Besucher dürfen sich über große Vielfalt freuen. Liebe, auch die gleichgeschlechtliche, und Generationenkonflikte gehören zu den Themenschwerpunkten. Für die Jurys, die die Preise vergibt, gibt es viel Arbeit.

„Ein Augenblick im Schilf“ (Finnland): Der Student Leevi (Janne Puustinen) hat sich in den syrischen Architekten Tareq (Boodi Kabbani) verliebt.

Quelle: NFL

Lübeck. Die Spielfilme geben einen Eindruck davon, wo junge Menschen ihr Glück suchen und was ihnen dabei im Wege steht. Leevi hat sich in einen jungen Mann verliebt. In den Architekten Tareq, der aus Syrien stammt und nun in Finnland lebt. Tareq hilft Leevis Vater dabei, dessen Sommerhaus zu renovieren. Auch Leevi packt mit an. Er ist nach Paris gegangen, um dort Literatur zu studieren. Und weil er weg wollte vom Vater und weg aus Finnland, das er als zu eng empfindet. In den Sommerferien kehrt er zurück und hilft beim Hämmern und Sägen. Bald aber hat er nur noch Augen und Ohren für Tareq.

Mit „Augenblick im Schilf“ ist bei den Nordischen Filmtagen einer der ersten Spielfilme aus Finnland zu sehen, die sich mit einer gleichgeschlechtlichen Liebe beschäftigen. Regisseur Mikko Makela erzählt in seinem Spielfilm-Debüt ohne Eile. Inmitten einer landschaftlichen Idylle mit viel Wasser und Wald entwickelt sich zwischen den beiden jungen Männern eine leidenschaftliche Beziehung. Ist eine gemeinsame Zukunft möglich? Zweifel tauchen auf. Schließlich gibt es da den konservativen Vater und zudem auch kulturelle Unterschiede.

Ein norwegischer Oscar-Kandidat

Um gleichgeschlechtliche Liebe geht es auch in „Thelma“. Hier sind es zwei Frauen, die sich ineinander verlieben. Thelma, eine Tochter aus strengem Hause, hat gerade in Oslo ihr Studium begonnen. Dort lernt sie Anja kennen, eine Mitstudentin. Ihren streng gläubigen Eltern erzählt sie nichts davon. Der Film erzählt von einer Liebe, die bei Thelma eine Suche nach ihrem Selbst auslöst. Sie weiß, wie es in der Hölle ist. Ihr Vater hat es sie spüren lassen, als sie noch ein Kind war. Inzwischen ist sie erwachsen, aber die Eltern haben noch immer Macht über sie. Und unheimliche Dinge geschehen, die niemand erklären kann. Thelma beginnt, ihre Vergangenheit und die Geschichte ihrer Familie zu erforschen.

„Thelma“ von Joachim Trier ist Norwegens Kandidat im Oscar-Wettbewerb um den besten nichtenglischsprachigen Film. Ein Film, in denen Horror-Elemente vorkommen – Schlangen, eine Decke, die ohne ersichtlichen Grund bedrohlich wackelt, eine schwerelose Thelma. Hier wird damit gespielt, was wäre, wenn dunkle Gedanken und Wünsche Wirklichkeit würden.

Erstmals 18 Spielfilme

An Entscheidungsschwäche liege es nicht, dass in diesem Jahr 18 Spielfilme im Wettbewerb um die Spielfilm-Preise seien, einer mehr als im vergangenen Jahr, das auch schon ziemlich üppig in dieser Hinsicht war, sagt Linde Fröhlich, künstlerische Leiterin der Filmtage. Vielmehr habe es noch späte Zusagen gegeben, das habe die Liste verlängert. Nun haben die Jurys viel zu tun. Das Team, das über den Hauptpreis, den mit 12.500 Euro dotierten NDR-Filmpreis, entscheidet, wird schon am Dienstag vor der Eröffnung des Festivals mit der Sichtung beginnen. „Sonst wäre das nicht zu schaffen“, sagt Linde Fröhlich.

Eine der Perlen im Spielfilm-Programm ist „Was werden die Leute sagen“ von Iram Haq. Die Norwegerin, 1976 geboren, erzählt darin von Nisha, Tochter pakistanischer Einwanderer. Sie ist ein ganz normaler Teenager, wenn sie in der Schule oder unter Freunden ist. Im Elternhaus aber herrschen andere Sitten. Der Vater, ein freundlicher und lebenslustiger Mann, der gern zu seinem Lieblingssong aus der alten Heimat tanzt, hat das „Land gewechselt, aber seine Gewohnheiten nicht“, wie seine Ehefrau sagt. Als er Nisha mit ihrem Freund ertappt, ist er außer sich und glaubt, die Familienehre retten zu müssen. Schließlich wird Nisha gegen ihren Willen nach Pakistan gebracht, wo sie sich strengen Regeln beugen soll und als junge Frau weitgehend rechtlos ist.

Starke junge Frauen im Mittelpunkt

„Was werden die Leute sagen“ ist ergreifend, mitreißend, voller Dramatik, zeitweise aber auch witzig, etwa wenn Nishas pakistanische Mitschülerinnen sie nach ihrem Leben in Norwegen fragen und wissen wollen, ob sie dort in einem Iglu gelebt habe. Mit diesem Film wolle sie Brücken bauen, sagt die Regisseurin. Iram Haq, die selbst aus einer Einwanderer-Familie stammt, war schon 2013 in Lübeck mit einem Film über das Leben zwischen zwei Kulturen erfolgreich. Ihr Spielfilm-Debüt „Ich bin dein“ wurde mit dem NDR-Filmpreis ausgezeichnet.

Starke junge Frauen stehen auch in anderen Spielfilmen im Mittelpunkt. So in „Das Ende der Kette“. Der estnische Regisseur Priit Pääsuke, Jahrgang 1975, hat als Schauplatz ein Fastfood-Restaurant gewählt, das kurz vor der Schließung steht. Am letzten Tag begegnet die Kellnerin sehr unterschiedlichen Menschen, einem Paar, das in Streit gerät, einem arbeitslosen jungen Akademiker, der mehrere Sprachen spricht und auf Jobsuche ist. „das Ende der kette“ erinnertan Filme von Aki Kaurismäki, die wie manchmal das wahre Leben mäandern zwischen Traurigkeit, Komik und Absurdität.

Von Liliane Jolitz

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