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Kultur im Norden Sponti mit feinem Biss
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20:10 28.07.2018

Ganz ohne Flachs – Horst Schroth ist ein Mann mit Stil. Das zeigt sich nicht nur an den tadellosen Anzügen und rahmengenähten Schuhen, die der Sohn armer Ost-Flüchtlinge aus Oberfranken bei seinen Auftritten auf den Bühnen und in den Fernsehshows der Republik trägt. Oder an seiner gepflegten, mit viel Kunst und hochkarätigen Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden ausgestatteten Villa vor den Toren Hamburgs. Mit Fug und Recht nannte Schroth eines seiner Erfolgsprogramme nicht etwa bloß „Männerabend“, sondern „Herrenabend“ (1998). Als „Frauenversteher“ genießt er einen besonderen Ruf. Und auch seinen beißenden Spott gießt er gern bei guten Umgangsformen über seine Zeitgenossen aus.

Horst Schroth verteilt schon mal verbale Tritte in den Allerwertesten – am liebsten als vermeintliche Schmeichelei kaschiert. Quelle: Fotos: Oliver Fantitsch, Imago, Dpa

„Ich habe eine gewisse Art gefunden, über Komplimente kleine Beleidigungen auszusprechen oder Kritik zu äußern“, erklärt Schroth im Wohnraum des Hauses, das er mit seiner Ehefrau Elke, einer promovierten Psychologin, sowie dem Kurzhaar-Collie Caro (15), Foxterrier Polly (8) und Riesenschnauzer Martha (1) teilt. Schmunzelnd kommentiert er nebenbei die andauernden Turbulenzen der Vierbeiner: „Weil wir ja keine Kinder haben, haben wir Hunde.“

Wie es zu alldem kam, erzählt der Hausherr spürbar gern anhand zahlreicher Anekdoten. Die lassen immer wieder auch den Zeitgeist seit den späten Sechzigern aufblitzen. „Mit 18, 19 hatte ich null Ahnung, was ich machen will. Keinen Plan“, sagt er zu seinen Anfängen. Blieben also nur die Bundeswehr („Fand ich zwar scheiße, aber in meinem sozialen Umfeld hat niemand verweigert. Ich wusste gar nicht, wie das geht“), ein Studium der Betriebswirtschaft aus Liebe zu einer Studentin – und ein diffuser Hang zu Kunst und Theater.

Der Zufall wollte es, dass er in einer Kneipe angesprochen wurde, ob er nicht als Regieassistent am Stadttheater Pforzheim arbeiten wolle. An der sich typisch links und experimentell entwickelnden Bühne übernahm er bald Statistenjobs und kleine Rollen.

„Ich war nirgendwo organisiert. Aber die ganze Szene war politisiert, man redete über nichts anderes“, erinnert er sich. Nach dem Uni-Examen fuhr Schroth in seinem VW-Käfer voller Bananenkisten nach Hamburg. Hat erst mal bei einer Werbeagentur gutes Geld verdient. „Und viel gelernt über das wahre Wirtschaftsleben und die Medien“, sagt er. „Ich hab’ begriffen – so tickt die Welt.“

Dann stürzte er sich in die damals entstehende Freie Szene. Mit dem Multitalent Michael Batz, der im Rahmen seiner „Blue Port“-Aktionen immer wieder dem Hamburger Hafen zu nächtlichen blauen Stunden verhilft, machte er Kindertheater. Durch Workshops bei Profis bildeten sich die jungen Leute fort. Aufführungen auf der Straße bezeichnet Schroth als seine härteste Schule. „Wir kriegten Sprüche zu hören wie: ,Wenn der nächste Krieg kommt, sind die Spinner auch weg’“, erinnert er sich. „Heute freue ich mich sogar über Zwischenrufe – aber wer frech wird, kriegt eins auf den Deckel.“ Damals empfand man sich als Sponti-Künstler wie Otto und Karl Dall. Hatte keinen konkreten politischen Ansatz, sondern machte sich lustig – vor allem über Mächtige wie die Politiker Herbert Wehner und Franz Josef Strauß.

So fand er quasi organisch seinen Weg zum Kabarett. Programme wie die „Volkszählungsrevuen“ 1983 und 1987, „Sex total“ und das zu Wendezeiten 1989/90 in West und Ost Furore machende „Gnadenlos deutsch“, entstanden mit Achim Konejung sowie seinem Leib- und Magen-Regisseur Ulrich Waller. „Ich sehe auch politisches Kabarett als eine Form des Unterhaltungstheaters“, erklärt Schroth.

Seine Abrechnung mit den Achtundsechzigern und ihrer Zeit formulierte er 1994 im ersten Solo „Null Fehler – Herr Laux versteht die Welt nicht mehr“. In dem stellte er einen unausgereiften älteren Lehrer in ausgesucht hässlicher Kleidung dar. Und geriet damit gerade unter Pädagogen zur Kult-Figur.

„Ich war nie ein typischer 68er. Die Heuchelei dahinter und die Uniformität hab’ ich schnell entdeckt“, erzählt Schroth, der mit seiner Frau soziale Projekte in aller Welt unterstützt. „Zum Beispiel war ,Konsumterror‘ ein großes Thema. Dabei waren wir alle auch nur Konsumenten, die Wert auf Markenklamotten gelegt haben. Auf Levi’s-Jeans, geschnürte Wildlederboots sowie Parkas von der US-Army.

Und im Urlaub fuhren alle in die gleichen Orte – etwa in dasselbe Kaff auf La Gomera.“

Distanziert ist die Haltung des „Frauenverstehers“ („Ein Etikett, das man mir angeklebt hat“) auch zur derzeitigen Diskussion um Geschlechterrollen. „Was mir ins Auge sticht, ist der ganze Genderwahnsinn“, erregt sich der Künstler. Sein Standpunkt: „Wir sind alle Produkte der Biologie und ticken unterschiedlich. Unfassbar, dass man das extra sagen muss. Ich geb's ja zu, ich bin auch ein Macho, werde jetzt 70 und mich bestimmt nicht mehr umstellen. Ich guck' Frauen gern auf den Hintern.“

Zu überprüfen sind seine Ansichten im Programm „Wenn Frauen immer weiter fragen“. Zwischen September und Mai 2019 wird der auch privat reisefreudige Kabarettist damit durch die Lande fahren. Und dann verrät Schroth noch: Für 2019/20 plane er seine Bühnen-Abschiedstour. Beruflich Schluss sei damit aber noch lange nicht.

Von Ulrike Cordes

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