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„Sport verschafft den Menschen Heimat“

Lübeck „Sport verschafft den Menschen Heimat“

Schriftsteller Ilija Trojanow hat für sein Buch „Meine Olympiade“ 80 Olympia-Disziplinen ausprobiert.

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Trojanow beim Boxtraining: Den Faustkampf übte er in einem Studio im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Quelle: Fotos: Thomas Dorn

Lübeck. Herr Trojanow, Sie sind ein Sport-Allrounder, wie sonst keiner mehr zu finden ist, und haben für Ihr Buch innerhalb von vier Jahren alles Mögliche trainiert – Schwimmen, Leichtathletik, Boxen, Radsport, Fechten, Ringen . . ., insgesamt 80 Einzeldisziplinen. Gibt es etwas, das alle Sportarten, die Sie ausprobiert haben, gemeinsam haben?

LN-Bild

Schriftsteller Ilija Trojanow hat für sein Buch „Meine Olympiade“ 80 Olympia-Disziplinen ausprobiert.

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Ilija Trojanow: Jede Sportart ist ein Mikrokosmos, eine eigene Subkultur. Jede hat eine ganz eigene Tradition, eine eigene Sprache. Ich habe eine Reise durch die Kreativität des Menschen in Gestalt der Verschrobenheit der Sportarten gemacht. Allen Sportlern geht es um Selbsterfahrung. Aber es ist je nach Sportart unterschiedlich. Manche suchen die Gemeinschaft, andere die meditative Einsamkeit. Sport ist für die Athleten die Zusammenführung von Sehnsucht, Ambition, Träumerei, Auszeit vom Alltag und ästhetischen Bedürfnissen. Jene, die ihren Sport leidenschaftlich betreiben, suchen existenziellen Sinn.

Wie haben Sie die verschiedenen körperlichen und geistigen Erfahrungen wahrgenommen?

Trojanow: Beim Wildwasserkajak spürt man die lebensnahe Abwechslung von Kontemplation und dramatischen Situationen. In Momenten der Ruhe muss man sich für anstehende Herausforderungen erholen.

Bogenschießen hingegen ist die reine Meditation: Man muss in einen inneren Monolog kommen, jeden störenden Gedanken abschalten, um gänzlich in der Übung zu sein.

Das klingt nach einer religiösen Sinnsuche.

Trojanow: Ja, Sport hat etwas Religiöses. Die Gemeinsamkeiten liegen nahe: Sport ist eine regelmäßige Übung, die den Menschen Heimat verschafft. Sportler suchen nach der kompletten Versenkung in eine Tätigkeit, ähnlich wie bei einer Meditation oder in einem Gebet. Außerdem sind sportliche Übungen Rituale der Selbstvergewisserung: Es geht darum, an Grenzen heran- und über Grenzen hinauszugehen.

Ist im Profisport noch Platz für solche Erfahrungen?

Trojanow: Nein, überhaupt nicht. Der Leistungssport ist ein reines Spektakel, überhaupt nicht religiös grundiert. An dieser Stelle ist vielmehr die Auflösung des einstigen Quasi-Religiösen in den reinen Kommerz zu beobachten. Die Olympischen Spiele der Neuzeit haben längst nichts mehr mit Idealen aus der Antike zu tun. Nur im Amateursport gibt es die spirituelle Kraft. Der Amateur ist ja im Wortsinne auch der, der etwas rein aus Leidenschaft tut.

Sie wollten bei allen Sportarten jeweils halb so gut abschneiden wie der Olympiasieger von London 2012. Doch Sie sind immer wieder gescheitert.

Trojanow: Das Hauptthema meines Buchs ist die Wiederentdeckung des Scheiterns. Etwas zu lernen bedeutet, das lange Tal des Scheiterns zu durchschreiten. Gerade die Erfahrungen des Scheiterns waren für mich Momente der Einsichten. Das hat mich zwar gefordert, aber auch beglückt. Ich habe viel über meine Stärken, aber auch über meine Ängste und Schwächen gelernt.

Bei welchen Sportarten waren diese Erlebnisse besonders intensiv?

Trojanow: Vor einer steilen Abfahrt mit dem Mountainbike habe ich eine totale Blockade erlebt, nichts ging mehr. Beim Turnen brachen meine Kindheitstraumata aus der Schulzeit wieder auf.

Verborgene Ängste überraschen einen immer wieder. Und noch eine Erfahrung habe ich gemacht: Beim Bahnradfahren, einer sehr gefährlichen Sportart, habe ich erlebt, wie schnell sich unsere Gruppe aus Anfängern gemeinsam organisiert hat. Im Fernsehen sehen wir hingegen immer nur, dass sich der Stärkere durchsetzt. Im Leistungssport herrscht die Ideologie des Siegens. Das Siegen ist Ausdruck der neoliberalen Ideologie.

Sie beschreiben, dass sich Jedermänner beim Radsport oder beim Laufen wie Profis ausrüsten. Ist diese Ideologie also nicht längst auch im Amateursport angekommen?

Trojanow: Es gibt Sportler, die Fitness als Selbstoptimierung begreifen. Sie verlängern damit die Arbeitszeit, in der sie mit anderen konkurrieren, in ihre Freizeit. Zum Laufen braucht man eigentlich nichts. Es gibt sogar Schulen, die sagen, es sei am gesündesten, barfuß zu laufen. Trotzdem bietet die Industrie unglaublich viel Ausrüstung an, ob spezielle Apps oder Schuhe – das ist einfach verrückt. Die Ausrüstung ist ein Ausdruck der Wohlstandsgesellschaft. Bei Radrennen ist es beim Start wie bei einer Parade von Luxuslimousinen: Die Sportler zeigen, was sie zu bieten haben.

Zum Glück ist das aber nicht das Dominante, viele betreiben Sport ausdrücklich nicht so.

Ein sportlicher Weltbürger

Ilija Trojanow , geboren 1965 im bulgarischen Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo Trojanow zu einem begeisterten Sportler wurde. Von 1984 bis 1989 studierte er Jura und Ethnologie an der Universität München. Danach lebte er zeitweise in Bombay und Kapstadt, heute wohnt er in Wien. Bekannt wurde er mit dem Schelmenroman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, der auch verfilmt wurde.

„Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen“ von Ilija Trojanow. S. Fischer, 336 S., 22 Euro

Interview: Matthias Klein

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