Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Sprechstunde bei einem Wunderheiler

Lübeck Sprechstunde bei einem Wunderheiler

Von falschen Versprechungen und Magie in der Medizin — Eckart von Hirschhausens neue Show in der Lübecker MuK.

Lübeck. Wirkt Akupunktur gegen Rauchen? Klar. „Mit zehn Nadeln durch Unter- und Oberlippe. Das hilft auch beim Abnehmen.“ Eckart von Hirschhausen, Fernsehmoderator, Buchautor, Kabarettist und studierter Arzt, hält wieder einmal Sprechstunde. Mit seinem Programm „Wunderheiler“ ist er in der Lübecker Musik- und Kongresshalle zu Gast. Knapp drei Stunden lang knöpft er sich den Medizinbetrieb in all seinen Facetten vor. „Da draußen tobt ein Glaubenskrieg“, sagt er. Ein Glaubenskrieg zwischen Schulmedizin und alternativer Medizin. Und wo steht Hirschhausen? „Auf der Seite der Guten.“

Wenn Hirschhausen durch die Lande tourt, sind ihm volle Hallen sicher. So auch in Lübeck bei seinem ersten Auftritt in der Rotunde, die er „ganz gemütlich gemacht“ findet.

Als Zauberkünstler hatte er einst seine Karriere begonnen. Und um Zauber, auch um faulen, geht es in seiner Show. Wer ist nicht schon einmal reingefallen auf vermeintliche Wundermittel, die einem die Rückkehr straffer Haut versprechen, eine schlanke Taille, einen guten Schlaf und starke Nerven — in schlimmeren Fällen aber auch eine Genesung von schweren Krankheiten.

Von Hirschhausen führt einen Feldzug gegen unseriöse und wissenschaftlich nicht haltbare Heilsversprechen. Zum Beispiel gegen die — in den meisten Fällen unnötige — Einnahme von Vitaminen: „Wann ist in den letzten 100 Jahren einer Ihrer Angehörigen an Skorbut gestorben?“

Wer sich auch nur wenig interessiert für medizinische Themen oder sogar regelmäßig Fachpublikationen wie die „Apothekenumschau“ liest, weiß Bescheid über vieles, was in unserem Gesundheitssystem nicht gut läuft. Es sind also nicht Enthüllungen, mit denen Hirschhausen sich verdient macht. Aber erstens ist er ein begnadeter Komödiant. Und zweitens ist auch noch alles wahr, was er vorträgt. Zum Beispiel, wenn er sich darüber auslässt, dass zu viel operiert wird. „Wer nicht bei drei auf dem Baum ist, kriegt eine neue Hüfte und ein neues Knie verpasst.“

Mitunter gleitet die Show ins Alberne ab. Zum Beispiel, wenn er bei einer Ballett-Einlage über die Bühne hüpft. Und hinterher bekennt, zum Ballett eigentlich nie Zugang gehabt zu haben, „ich habe auch nie verstanden, wieso Balletttänzer so enge Hosen tragen, dass man sogar die Religion erkennt.“ Oder wenn er einen Gast zur Live-OP auf die Bühne bittet. Wilko aus Lübeck („Ist Wilko die Abkürzung für Willkommenskultur?“) legt sich auf den OP-Tisch. Aus seinem Bauch holt Hirschhausen unter Einsatz von Theaterblut Gekröse hervor. Und dann noch ein kleines Quietscheentchen. Das Publikum johlt.

Sein Anliegen aber ist ein ernstes. Jeder Arzt, jede Ärztin solle sich fragen, wie Patienten zu helfen sei, sagt Hirschhausen, „und nicht, wie mache ich mit ihm 20 Prozent Rendite“.

Hirschhausen bestreitet den Abend allein, unterstützt von dem Pianisten Christoph Reuter. Hinter den beiden Akteuren ein großer grüner Wald. „Denn der Mensch braucht die Natur“, wie Hirschhausen unterstreicht. Eigentlich ist ja alles ganz einfach: Nicht alles glauben und doch wieder glauben, denn der Placebo-Effekt ist segensreich.

Das Foyer der MuK, das von Hirschhausen „ganz gemütlich“ fand, ist für Zuschauer übrigens nicht ganz so komfortabel. Zumindest nicht für diejenigen in den hinteren Reihen, die Sitzriesen vor sich haben. Um dem Geschehen auf der Bühne folgen zu können, ist ein elastischer Nacken hilfreich. Wenn das zu Schmerzen führt, nicht gleich einen Arzt aufsuchen. Wie sagt doch von Hirschhausen: Das meiste geht von allein wieder weg.

Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden