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Spurensuche bei Bob Dylan

Lübeck Spurensuche bei Bob Dylan

Mit Heinrich Detering durchleuchtet einer der renommiertesten deutschen Germanisten die Texte des großen Songwriters.

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Lübeck. Lübeck. Bob Dylan klaut. Er klaut sogar im großen Umfang. Wie ein Rabe, so sagt man wohl. Und er macht daraus kein Geheimnis. „Ja, ich bin ein Dieb von Gedanken“, lautet eine seiner frühen Zeilen, und ein Seelendieb sei er auch.

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Mit Heinrich Detering durchleuchtet einer der renommiertesten deutschen Germanisten die Texte des großen Songwriters.

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Aber es ist kein wirklicher Diebstahl, sondern ein Borgen, ein Anlehnen, ein Erinnern, ein Spiel. Es ist Kunst und so, wie es nun mal zugeht in der Literatur. Man stellt sich auf die Schultern von Riesen, damit man weiter sehen kann. Und der größte Riese im Kosmos Bob Dylans ist ein Mann, der seit 400 Jahren tot ist: William Shakespeare. Jener Shakespeare, der etwa für seinen „Sturm“ eine Passage aus Montaignes Essay „Of Cannibals“ fast wörtlich übernommen hat. Und schon der größte deutsche Dichter sagte: „Mein Werk ist dasjenige eines Kollektivwesens, und es trägt den Namen Goethe.“

Es gibt inzwischen zahlreiche Fährtenleser, die in Dylans Werk nach solchen Verweisen suchen. Dechiffrier-Kombinate, die den Weg der Worte zurückverfolgen zu den Quellen. Und sie werden wieder und wieder fündig. Allein für den Nachweis von Stellen aus Jun’ichi Sagas Buch „Confessions of a Yakuza“ gibt es eine eigene Seite im Internet. Mit Heinrich Detering hat jetzt ein weiterer Dylan-Kenner von Rang ein Buch zum Thema vorgelegt: „Die Stimmen aus der Unterwelt – Bob Dylans Mysterienspiele“.

Detering ist einer der renommiertesten und umtriebigsten deutschen Germanisten. Er lehrt in Göttingen, ist unter anderem Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, war lange führend bei der Theodor-Storm- und der Thomas-Mann-Gesellschaft engagiert und ist Träger des LeibnizPreises. Und er hat zuhause das Gesamtwerk Bob Dylans im Schrank stehen und lebt damit, wie er sagt, „seit einigen Jahrzehnten“.

Es ist nicht sein erstes Buch über den Meister, aber jetzt widmet er sich dessen Spätwerk der vergangenen fünfzehn Jahre. „Love And Theft“ heißt das erste Album dieser Phase, Liebe und Diebstahl also, und man muss schon die Anführungszeichen mitlesen, denn Love And Theft (ohne Anführung) ist der Titel eines anderen Buches, auf das Dylan sich bei dem Album stark bezieht. Es ging also schon da munter durcheinander.

Shakespeare, wie gesagt, ist eines der Zentralgestirne an Dylans Himmel. Dazu Ovid, Petrarca und die Bibel. Er zitiert Mark Twain und Bert Brecht, Passagen aus der Verfilmung des „Malteser Falken“

und von den Beatles. Er zitiert Howlin’ Wolf, der wiederum von Big Joe Williams zitiert wurde, und dann geht es immer tiefer hinein in die amerikanische Blues- und die europäische Geistesgeschichte.

Und sein Album „Blonde on Blonde“ heißt abgekürzt „Bob“, was Zufall sein kann, aber nicht sein muss.

Detering durchleuchtet Dylans Texte, er hält sie gegen das Licht. Er legt Schichten frei wie Heinrich Schliemann und entdeckt unter dem ersten Troja immer noch wieder eine neue Stadt. Es ist eine Bob-Dylan-Archäologie, und der Kritiker der „Süddeutschen Zeitung“ fragte sich, wohin diese Grabungen wohl führen sollen.

Nicht sehr weit, meinte er und sprach von „Fan-Wissenschaft“. Aber das ist sehr von oben herab und sieht an Deterings Absicht vorbei, denjenigen Wegweiser aufzustellen, die sich auf die Reise begeben in die weiten Ländereien dieses Songwriters, der an dem Soundtrack der vergangenen fünf Jahrzehnte so maßgeblich mitgeschrieben hat. Und er tue das in der beruhigenden Gewissheit, so Detering, „dass Dylans Mysterien sich nie ganz ausleuchten lassen werden“.

„Die Stimmen aus der Unterwelt – Bob Dylans Mysterienspiele“ von Heinrich Detering.

Erschienen im Verlag C. H. Beck, 256 Seiten.

19,95 Euro.

DREI FRAGEN AN...

1 Für wen ist Ihr Buch geschrieben? Nicht bloß für Experten, sondern für Leute, die tiefer in die Songs eindringen wollen. Es sollte für alle verständlich sein, die sich für Dylan interessieren. Und es soll dazu beitragen, diese in Deutschland immer noch bestehende alberne Grenze zwischen sogenannter Hoch- und sogenannter Popularkultur zu überwinden. Sie wird manchmal heftig verteidigt, von beiden Seiten, aber ich akzeptiere diese Grenze nicht.

2 Muss man das alles wissen, um Bob Dylan verstehen zu können? Nein, überhaupt nicht. Er selbst legt ja Wert darauf, dass man das alles nicht wissen muss, aber dass man es bemerken kann, wenn man will. Und wenn man es weiß, hat man mehr von von den Songs, man hört gewissermaßen größere Hallräume.

3 Warum macht er all diese Anspielungen? Er selber hat darauf mindestens zwei Antworten gegeben, wenn ich ihn richtig verstehe. Zum einen versucht er, die Stimmen der Toten wieder zu Gehör zu bringen. Das ist eine beinahe esoterische Vorstellung; er versteht sich als eine Art von Medium, aus dessen Mund all die Stimmen der Toten aus vielen Jahrhunderten, Epochen und Kulturen sprechen. Und zwar, das ist wichtig, alle gleichberechtigt. Der vergessene Bluesmann aus den Dreißigerjahren steht gleichrangig neben Shakespeare, und Homer ist genauso wichtig wie eine Gospelsängerin aus den Fünfzigern. Zum anderen sucht er im Konzert dieser vielen Stimmen so etwas wie menschliche Grundsituationen. Das meint wohl auch das Wort „Mysterienspiele“, das er ja selbst neulich für seine Songs verwendet hat. Diese Mysterien sind die einfachsten Dinge: Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung, Todesangst, Jenseitsfragen, Verzweiflung, Hoffnung –Ursituationen, die gewissermaßen in Stereo hörbar gemacht werden, wenn im selben Song Ovid und Johnny Cash, John Lennon und William Blake und viele Namenlose davon erzählen.

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Peter Intelmann

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