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Kultur im Norden Stadt und Investor: Szenen einer Vernunftehe
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22:26 22.06.2013
Von Hanno Kabel
Sie vertrieben den Investor: 2009 besetzten Künstler den für den Abriss vorgesehenen Teil des Hamburger Gängeviertels. Quelle: Foto: dpa
Mit dem Bebauungsplan

Vor vier Jahren besetzten Künstler das Hamburger Gängeviertel. Sie zogen in die leeren, heruntergekommenen Häuser, richteten provisorische Ateliers ein, stellten ihre Werke aus und luden die Hamburger zu sich ein. Am Ende erreichten sie ihr Ziel: Die Stadt machte den Verkauf des Geländes an den Investor rückgängig, eine holländische Fondsgesellschaft, die die Häuser abreißen und einen Wohn- und Bürokomplex errichten wollte. Es war wie ein Fanal: Private Investoren dürfen nicht alles, die Bürger fordern ihr Recht.

Investoren sind in Stadtplanung und Architektur mächtige Gegenspieler der Kommunen geworden. Davon kann Hans Stimmann erzählen, der von 1986 bis 1991 Bausenator in Lübeck war und danach bis zu seiner Pensionierung 2006 als Senatsbaudirektor das Gesicht des neuen Berlin prägte. „Anfang der 90er tauchte zum ersten Mal der Typus des Großinvestors auf“, sagt er. „Zuerst die Töchter der großen Industrieunternehmen und in der Folge die großen Fondsgesellschaften.“ Bei diesen Gesellschaften sei es für städtische Vertreter schwer, überhaupt Verantwortliche zu finden, mit denen man über Architektur reden könne.

„Investoren haben keine Ahnung

von aktueller Architektur“

In Lübeck wollte der isländische Investor Development, Construction and Properties (DCP) 2008 die gesamte nördliche Wallhalbinsel bebauen und dafür 160 Millionen Euro investieren. Verlockend für das klamme Lübeck. Doch dann kam die Finanzkrise, DCP trat von dem Kauf zurück, und die Stadt stand mit leeren Händen da. Sie lernte daraus. Für den zweiten Anlauf unter dem Projektnamen „Kailine“ gab es einen fertigen Bebauungsplan, der das Gelände in acht bis zehn Baufelder aufteilte. Als für die ersten beiden — etwa ein Fünftel der Fläche — ein Investor gefunden war, musste der vor dem Kauf auf eigene Kosten zusammen mit der Stadt einen Architektenwettbewerb durchführen. Trotz dieser harten Bedingungen überstieg der vereinbarte Verkaufspreis die Erwartungen der Stadt.

„Durch das aufwendige Verfahren hat die Stadt bei jedem einzelnen Baufeld Einflussmöglichkeiten. Es mindert sowohl das wirtschaftliche als auch das städtebauliche Risiko“, sagt Ulf Hahn, kaufmännischer Leiter des Koordinierungsbüros Wirtschaft in Lübeck (KWL), das das Projekt „Kailine“ betreut. Noch immer ist allerdings fraglich, ob die Bürgerschaft dem Verkauf zustimmt.

Hans Stimmann kann dem Entwurf für die Altstadtseite, der aus dem ersten Architektenwettbewerb hervorgegangen ist, nicht viel abgewinnen. „Ja, ganz schön, so macht man das heute. Aber eigentlich hat das nichts mit dem Ort zu tun, mit der Spannung zwischen Altstadt und Hafen. Es fehlt das Besondere.“ Doch dafür macht Stimmann nicht den Investor verantwortlich. „Investoren haben meistens keine Ahnung von aktueller Architektur.“ Um so mehr komme es auf die Auswahl der Architekten für den Wettbewerb an. Die haben Stadt und Investor nach KWL-Angaben gemeinsam und paritätisch getroffen.

Jahrzehntelang galt in deutschen Städten, vor allem den sozialdemokratisch dominierten: Wenn die Stadt alles in der Hand hat, wird alles besser. Stimmann: „Es hieß immer: Die Wohnungsfrage kann nur gelöst werden, wenn die Bodenfrage gelöst ist. Und das hieß: Der Boden musste kommunales Eigentum werden. Das hat man eingeatmet, wenn man in dieser Kultur großgeworden ist.“ Inzwischen ist Stimmann anderer Ansicht: „Private Investoren sind eine große Chance für eine Stadt. Die guten Städte sind immer durch Private gebaut worden — von den Altstädten bis in die Gründerzeit.“ Auch sozialen Wohnungsbau könne man genauso gut Privaten überlassen — mit entsprechenden Subventionen. Tatsächlich kann sich nach Angaben des KWL-Prokuristen Hahn ein „großer, landesweit agierender Investor“ vorstellen, auf der Wallhalbinsel ein Haus zu bauen, in dem es auch Sozialwohnungen gibt.

Selbst die Gegner des Kailine-Projekts haben nicht grundsätzlich etwas gegen den Verkauf des Geländes an private Investoren. Das alternative Konzept der „Gruppe Lübeck 13“ für Erhalt, Umbau und Nutzung der alten Hafenschuppen schließt ihn jedenfalls nicht aus. Allerdings sähen die Aktivisten es lieber, wenn die Stadt selbst als Investor aufträte. „Dann würde man den Zugriff nicht verlieren“, sagt Jörg Sellerbeck, Sprecher der Gruppe. „Grundsätzlich finde ich, dass so ein Areal erst entwickelt werden dürfte, wenn klar ist, wie es mit der Roddenkoppel (altes Hafengebiet nordwestlich der Halbinsel, d. Red.) weitergeht.“

Bis dahin können noch viele Jahre ins Land gehen. Die ersten Pläne für die Entwicklung der nördlichen Wallhalbinsel entstanden 1988. Es gab einen Bürgerschaftsbeschluss, eine Rahmenvereinbarung, einen Wettbewerb, einen Bebauungsplan. Bis der Investor, eine schwedische Aktiengesellschaft, 1995 absprang. Weil es im Osten mehr Fördermittel gab.

Kommunale Steuerung
sichern die Kommunen sich ihren Einfluss auf das Stadtbild. Er kann zum Beispiel Flächen für den sozialen Wohnungsbau festschreiben oder das Verhältnis zwischen Wohnen und Gewerbe. „Die Stadt kann Ihnen auch vorschreiben, welche Farbe Ihre Dachziegel haben können“, sagt Nina Wolff, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Baurecht an der TU Darmstadt. Wo es keinen Bebauungsplan gibt, gelten immer noch die allgemeinen städtebaulichen Grundsätze.

Die Größe der Grundstücke (Parzellen) legt auch die Kommune fest. Kleinere Parzellen liegen international wieder im Trend. Die Bebauung von Wohngebieten wird dadurch uneinheitlicher und vielgestaltiger, und der Mittelstand profitiert.

Hanno Kabel

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