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„Starke Gefühle sind wieder erlaubt“

Lübeck „Starke Gefühle sind wieder erlaubt“

In allen großen Feuilletons der Republik wurde der schlanke Roman besprochen, zumeist positiv. Man rühmte die Sprachkraft des jungen Autors – oder man störte sich an Manierismen. Wie auch immer: „Sieben Nächte“ ist einer der Romane, an denen man nicht vorbeikommt.

Lübeck. „Nein, mit einem solchen Echo habe ich nicht gerechnet, aber ich freue mich sehr über die Wahrnehmung des Buches“, sagt Simon Strauß. „Am meisten haben mich die Leser-Reaktionen überrascht. Ich habe sehr viele Zuschriften erhalten, manche nach dem Motto: ,Ich weiß nicht, was Du sagen willst, aber ich spüre etwas darin, das für mich wichtig ist.’ Das hat mich sehr berührt.“

 

LN-Bild

„Es geht um ein neues Weltbild“: Simon Strauß liest morgen im Buddenbrookhaus aus seinem Debütroman.

Quelle: Foto: © Catherina Hess / Literaturhaus München

Lesung in Lübeck

Simon Strauß liest morgen um 19.30 Uhr im Buddenbrookhaus aus seinem Roman „Sieben Nächte.“ Die Lesung gehört zur Reihe „Debüt im Buddenbrookhaus“, in deren Rahmen alle zwei Jahre ein Preis für den besten Debütroman vergeben wird. Die nächste Preisverleihung findet im Dezember statt.

In „Sieben Nächte“ geht es um einen Mann um die 30, der an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt steht, kurz vor Beginn der ernsthaften Verbürgerlichung. Mit seinem Zustand ist er nicht zufrieden, und so kommt es ihm zupass, dass ihm ein Bekannter eine seltsame Aufgabe stellt: In sieben Nächten soll der Erzähler sieben Todsünden begehen und anschließend schriftlich über seine Taten berichten.

Simon Strauß hat die einzelnen Todsünden vom Neid bis zur Wollust mit lateinischen Titeln versehen, die sehr wuchtig wirken: „Ich bin schließlich studierter Altertumswissenschaftler, deshalb ist mir Latein natürlich nicht fremd. Aber es geht in diesem Roman nicht darum, zu beweisen, wie gebildet ich bin. Es geht um ein neues Weltbild“.

Und dieses Weltbild nennt Simon Strauß „Abkehr vom Dekonstruktivismus“. Damit meint er den Verzicht auf die ironisch-zynische Sicht der Dinge, die seit langer Zeit en vogue ist. Hat er so den Roman seiner Generation schreiben und theoretisch unterfüttern wollen? „Nein, was ich zeige, ist ja nur ein bestimmter Ausschnitt aus der Welt der um die 30-Jährigen, zu denen ich ja auch zähle. Es geht mir darum, Wege aufzuzeigen, wie man wieder bewusster und zugleich empfindsamer leben kann.“

Das heißt mit anderen Worten: Das Lebens-Motto soll lauten: „Ich will endlich wieder sagen, was ich meine“. Aber gibt es denn in dieser bestimmten Generation oder in unserer Gesellschaft überhaupt ausreichend Menschen, die etwas zu sagen haben? Simon Strauß: „Ich glaube nicht, dass es sehr viel weniger Menschen als früher gibt, die etwas zu sagen haben. Aber es gibt heute sehr viel mehr Räume, in denen etwas gesagt werden kann, etwa das Internet mit all seinen Facetten. Den Überblick über diese Möglichkeiten zu behalten, ist nahezu unmöglich.“

„Sieben Nächte“ und sieben Todsünden – mit dem Erzähler geschieht Einiges in diesen Nächten zwischen Tat und Traum. „Er lernt, wieder eigene Linien in seinem Leben zu ziehen“, sagt Simon Strauß. „Und dazu gehört, dass man Gefühle wieder zulässt. Lange hat man Gefühle für verzichtbar oder gar für peinlich gehalten, aber das ist falsch. Man muss wieder Angst empfinden können, um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Das Ergebnis der Bundestagswahl ist ein Grund für echte Angst. Und das ist bei der Gefahr durch Rechtspopulisten im Bundestag der richtige Weg, damit umzugehen. Starke Gefühle – negativ wie positiv – sind wieder erlaubt. Man muss sich nur trauen, sie zuzulassen. Darum geht es in meinem Roman, und der Erzähler erkennt am Ende einiges davon.“ Man möchte fast noch mehr über diesen seltsamen Helden lesen, der für soviel Aufsehen gesorgt hat. Die 138 Seiten von „Sieben Nächte“ haben das Potenzial eines dicken Wälzers.

Jürgen Feldhoff

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