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Kultur im Norden Staunend, neugierig, revolutionär
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08:49 08.03.2016
Dirigent Nikolaus Harnoncourt. Quelle: dpa

„Wie der sich schon hinsetzt, den engagier‘ ich“, murmelte der Chefdirigent der Wiener Symphoniker, als ein Bewerber um die freie Cellostelle sich zum Vorspiel bereit machte, ein 22jähriger. Der vergaß den leisen Satz so wenig wie das, was folgte. „Ich hab dann unglaublich lang spielen müssen. Also ich hatte den Eindruck, dass der Karajan gern zugehört hat“

Der junge Mann bekam die Stelle. Sie bildete die finanzielle Basis für das „Experimentierlabor“, das er in Wien gründete, den „Concentus Musicus“, ein Ensemble für historische Aufführungspraxis.

Daraus wurde eine der größten Revolutionen, die es in der Geschichte der Musik je gab, und ein Dirigent, dessen Einfluss nicht zu ermessen ist: Nikolaus Harnoncourt.

Mit 86 Jahren ist er in Wien gestorben. Normalerweise würde man sagen, dass damit eine Ära zu Ende geht, aber tatsächlich hat dieser Mann so viel in Gang gebracht, so viele Musiker beeinflusst, dass es kaum einen geben dürfte, vom Solisten bis zum Orchester, bei dem seine Arbeit nicht Spuren hinterlassen hätte. 1929 in Berlin zur Welt gekommen als Johann Nikolaus Graf de la Fontaine und d'Harnoncourt-Unverzagt, zog er als Zweijähriger mit der Familie nach Graz, bekam beizeiten Cellounterricht und las schon als Schulkind die Schriften von Egon Friedell, der sich 1938 beim Einmarsch der Nazis das Leben genommen hatte.

Dessen Widerspruchsgeist und auch der seiner Familie prägte ihn früh. „Wenn auch alle, ich nicht“, das sei sein Motto gewesen, erklärte Harnoncourt. Dass man Bach & Co. nicht so spielen konnte wie Komponisten des 19. Jahrhunderts, wenn sie neben ihnen bestehen sollten, hatten schon andere festgestellt. Die Bemühungen um die Quellen zur Aufführungspraxis, um die Instrumente, für die die „Alte“

Musik komponiert wurde, begannen schon zu Richard Wagners Lebzeiten.

Er dirigierte, seinem „Concentus“ stets treu bleibend, die besten Orchester der Welt, kam von Mozart über Beethoven und Bruckner sogar bis zu Richard Wagner — immer ohne Taktstock und mit aufgerissenen, staunenden, neugierigen Augen, immer sich erneuernd. 1993 dirigierte er in Amsterdam den erotischsten „Figaro“, den man je hörte, 2006 in Salzburg den elegischsten. Es war wohl diese singuläre Mischung aus Autorität, Offenheit und Kompromisslosigkeit, die Harnoncourt so glaubwürdig und geradezu zum Inbegriff der Interpretationsrevolution machte, die er ja nicht allein bewirkte.

Und Bescheidenheit. „Man überschätzt die Interpreten, und man unterschätzt die Schaffenden“, sagte er beim Gespräch in seiner Wiener Wohnung, in der er, vier Treppen hoch, seit Jahrzehnten mit seiner Frau lebte, der Geigerin Alice — er hat sie im Jahr nach seinem Vorspiel bei Karajan geheiratet. „Die Leute in 30 Jahren werden lachen über das, was wir jetzt machen.“ Was ihn betrifft: Sie werden bedauern, ihn nicht erlebt zu haben. Und sie werden, sofern sie mit Musik zu tun haben, noch von ihm lernen können. Volker Hagedorn

LN

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