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Sterne und Funken

Timmendorfer Strand Sterne und Funken

Die sechs besten Stimmen der norddeutschen Musikschulen konkurrieren morgen in Timmendorfer Strand um den Maritim Musikpreis — Einige Sterne leuchteten schon im Halbfinale auf.

Timmendorfer Strand. Meer und Strand hinter dem Maritim Seehotel liegen schon im Dunkeln, kein Stern am Himmel, stattdessen blitzen Töne wie Funken auf, kurze Melodien, purzelnde Tonfolgen, aufsteigende Triller. Sie fallen aus dem ersten Stock des Hotels in die Dunkelheit, wo acht junge Sänger und Sängerinnen sich auf ihren Auftritt vorbereiten. Zwölf Minuten Zeit haben sie auf der Bühne des Konferenzsaals. Zwölf Minuten, um die Strahlkraft ihrer Stimme zu zeigen, Sicherheit in den Tonlagen und große Bandbreite in unterschiedlichen Stilen, Zeiten und Liedarten. Zwölf Minuten, um die Jury des Maritim Musikpreises für sich einzunehmen.

Der Gesangswettbewerb, in den die norddeutschen Musikhochschulen — Hannover, Hamburg, Lübeck, Rostock und erstmals auch Bremen — ihre besten Studenten schicken, geht in die 16. Runde. 55 Teilnehmer sind angetreten, 15 haben es ins Halbfinale geschafft und singen sich nun ein. Der Eindruck mag täuschen: Die Eleven wirken erstaunlich gelassen. Für die meisten ist es nicht der erste Wettbewerb. Für Svenja Schicktanz schon, sie habe, sagt die 25-Jährige Studentin der Hochschule für Künste in Bremen, gar nicht mit ihrer Nominierung gerechnet. „Jetzt bin ich furchtbar aufgeregt, das Herz schlägt mir bis zum Hals.“ Auf der Bühne ist nichts davon zu spüren. Mit viel Kraft und viel Gefühl singt sie „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“. Dass diese Stimme noch nicht ganz ausgereift, die Sopranistin gerade im 1. Jahr des Masterstudiums ist, zeigt sich bei Marias Song „I feel pretty“ aus der „West Side Story“, da fehlen ein wenig Übermut und kokettes Flirten. Kein Leichtes auch bei einem Publikum, das hoch interessiert, aufmerksam — und gute ein bis zwei Generationen älter ist.

Der von der Maritim Hotelgesellschaft im Jahr 2000 erstmals ausgelobte regionale Musikpreis ist längst ein bedeutender Wettbewerb für junge Sänger und Sängerinnen. Svenja Schicktanz hofft, dass sich aus ihrem Auftritt ein Engagement für eines der Musikfestivals im Norden ergeben könne. Hyungseok Lee (27), der seit drei Jahren an der Musikhochschule Lübeck studiert und derzeit am Lübecker Theater als Jaquino im „Fidelio“ zu hören ist, sagt nach seinem Auftritt: „Der Maritim Musikpreis ist berühmt in Norddeutschland. Hier dabei zu sein, ist eine gute Erfahrung für mich!“ Und dann braucht der junge Tenor, dem die Anstrengung und Aufregung in kleinen Tropfen auf der Stirn steht, erst einmal ein Glas Wasser: „Die Luft ist sehr trocken!“

Die Atmosphäre in dem 80er-Jahre-Flair atmenden Kongress-Saal ist es nicht. „Ich schaue mir immer das Publikum an: Einer hat mitgesungen, die Lippen bewegt, ein anderer hat gelächelt — hier zu singen ist immer etwas Besonderes. Nur die Akustik im Raum ist wirklich etwas für Fortgeschrittene — ich habe mich selbst nicht gehört“, sagt Raffaela Lintl (26). Das Auditorium aber hat sich keinen einzigen Ton ihrer reifen und vollen Stimme entgehen lassen. Die Sopranistin studiert bei Manuela Uhl an der Lübecker Musikhochschule und ist Stipendiatin der Richard-Wagner-Stiftung. Mit 23 Jahren stand sie im Finale für den Bertelsmann-Preis „Neue Stimmen“, dem wichtigsten deutschen Gesangswettbewerb; 2014 war sie Finalistin im Bundeswettbewerb Gesang in Berlin. Als sie „In dem Schatten meiner Locken“ aus dem „Spanischen Liederbuch“ und die Arie der Wally aus der Oper „La Wally“ von Alfredo Catalani singt, alle Feinheiten und Nischen findet und den Saal auskleidet, ist sich Raffaela Lintl ihrer Strahlkraft vielleicht nicht bewusst. Das Publikum aber weiß: Diese Stimme leuchtet über den Winternachmittag hinaus.

Regine Ley

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