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Strahlt die Musik, leuchtet das Display

Lübeck Strahlt die Musik, leuchtet das Display

In die Höhe gehaltene Smartphones stören nicht nur bei Popkonzerten. Selbst bei Klassik-Auftritten des SHMF wird fotografiert und gefilmt.

Stört Künstler und Besucher: Smartphone-Einsatz bei einem Konzert in Frankfurt.

Quelle: dpa

Lübeck. Popstars wie Alicia Keys und Guns N’ Roses greifen zu einer Notmaßnahme. Weil sie sich dadurch gestört fühlen, dass während ihrer Konzerte mit Smartphones gefilmt oder fotografiert wird, lassen sie die Handys der Besucher versiegeln. Bob Dylan soll sogar damit gedroht haben, sofort die Bühne zu verlassen, wenn er ein Handy sehe.

Dass im Konzert die Hände hochgehen, weil Besucher ihre ganz persönliche Erinnerung mit nach Hause nehmen oder anderen zeigen wollen: Ich war da, ist ein Phänomen, das nicht mehr auf Pop-Konzerte beschränkt bleibt. Auch beim Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) wird mehr oder weniger intensiv fotografiert: beim Nigel-Kennedy-Konzert in der Musik- und Kongresshalle blitzte und funkelte es immer wieder, ebenso bei Mnozil Brass in Wotersen oder bei Daniel Hopes „Familienstücken“ in Lübeck und sogar bei der Verleihung des Leonard Bernstein Awards an den Hornisten Felix Klieser in der MuK.

Blitzlichter und in die Höhe gehaltene Smartphones beeinträchtigen nicht nur die Künstler auf der Bühne, auch Konzertbesucher sind davon genervt. Deshalb gibt es bei den SHMF-Konzerten ein Film- und Fotografierverbot. „Wir beobachten allerdings, dass zunehmend Mobiltelefone während der Konzerte benutzt werden, um zu fotografieren oder zu filmen“, sagt Burkhard Stein, Verwaltungsdirektor und Stellvertretender Intendant.

Der Hinweis, dass das Fotografieren nicht gestattet ist, findet sich auf jeder Eintrittskarte und in den Programmheften. Was tun, wenn Besucher sich nicht daran halten? „Wenn es trotzdem getan wird, versuchen wir, die Menschen davon abzuhalten. Das ist aber nicht immer so einfach“, sagt Stein. „Man kann bei einem Konzert nicht immer leicht zu Reihe 15, Platz 24, gehen und sagen: Bitte nehmen Sie mal das Telefon weg. Das würde manchmal noch mehr stören als das Fotografieren selbst.“

Dass Filmen und Fotografieren nicht erlaubt ist, ist keine Schikane, sondern hat gute Gründe. Zum einen geht es um den Schutz der Künstler. Sie sollen sich auf ihre Darbietung konzentrieren können und nicht gestört werden durch Fotografieren, durch Filmen, durch leuchtende Handys und durch die Unruhe, die dadurch entsteht. Es geht aber auch um den Schutz des Publikums. „Unsere Veranstaltungen sollen für alle Beteiligten ein Genuss sein. Wenn ein Besucher vor sich oder neben sich jemanden hat, der fotografiert, kann das sehr störend sein“, weiß Burkhard Stein.

Festival-Besucher nehmen Störungen jedoch bisher offenbar klaglos hin. Und auch die Künstler halten sich noch mit Protesten zurück. Star-Pianist Alfred Brendel hatte wegen anderer Störungen einmal damit gedroht, ein Konzert abzubrechen („Entweder Sie hören auf zu husten, oder ich höre auf zu spielen“). Die Künstler müssten sich konzentrieren können und bräuchten deshalb Ruhe im Saal, die auch durch Filmen und Fotografieren beeinträchtigt werde, unterstreicht des Verwaltungschef des Festivals. „Es hat aber bisher, soweit ich weiß, noch kein Künstler sein Konzert unterbrochen.“

Besucher, die während eines Konzertes mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, stören nicht nur Künstler und andere Gäste, sondern schaden auch sich selbst. Denn von dem, was auf der Bühne geschieht, bekommen sie weniger mit. Laut einer Studie werden sie sich später zudem schlechter an das Erlebte erinnern. Die Psychologin Linda A. Henkel hat herausgefunden, dass Fotografieren die Erinnerungen beeinträchtigt, berichtet das Internet-Portal „Musikmachen.de“ (siehe Text oben).

Bisher sieht das SHMF das Problem als noch nicht so gravierend an und setzt auf die Einsicht der Besucher. Die Atmosphäre solle so ungezwungen wie möglich bleiben und so wenig wie möglich durch Kontrollen belastet werden. „Aber wenn es noch mehr zunimmt, dann müssen wir uns Möglichkeiten einfallen lassen, noch deutlichere Hinweise zu geben“, sagt Stein.

Konzertbesuchern, die sich gestört fühlen, bleibt die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und Sitznachbarn oder Vorderfrau zu bitten, das Smartphone wegzupacken. Wenn das nichts nützt, könne man „in der Pause die Konzertdurchführer des Festivals ansprechen“, sagt Stein. „Wir sind dankbar für solche Hinweise, um der Sache nachgehen zu können.“

Foto-Experiment

Helfen Fotos dabei, sich später besser zu erinnern? Die Psychologin Linda Henkel von der Fairfield University in Connecticut (USA) ist dieser Frage nachgegangen und zu einem gegenteiligen Ergebnis gekommen: Wer fotografiert, speichert Dinge auf dem Chip seiner Kamera, aber weniger gut in seinem Gedächtnis.

Linda A. Henkel bat Studenten in ihrem Experiment zu einer Führung durch das Fairfield Bellarmin Museum für Kunst. Eine Gruppe sollte sich Ausstellungsstücke einfach nur ansehen, die zweite Gruppe sollte Fotos von den Artefakten machen. Einen Tag später überprüfte die Psychologin, woran die Studenten sich erinnerten. Die Studienteilnehmer, die fotografiert hatten, konnten sich an weit weniger Objekte erinnern als diejenigen, die diese nur betrachtet hatten. Und wenn sie sich an einzelne Dinge erinnern konnten, fielen ihnen weniger Details ein. „Die Leute ziehen häufig ihre Kameras fast schon gedankenlos hervor, um einen Moment einzufangen“, sagt Henkel. „Dabei kriegen sie dann nicht richtig mit, was vor ihnen passiert.“

 Liliane Jolitz

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