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Streit um die MuK: Kultur nur für die Reichen?

Lübeck Streit um die MuK: Kultur nur für die Reichen?

Bevorzugt die MuK Mittel- und Oberschicht? Das sagt der Grüne Thorsten Fürter. Politiker und Veranstalter widersprechen.

Klassik in der MuK: Patricia Kopatchinskaja (Geige) und Sol Gabetta (Cello) sowie der Dirigent Kristjan Järvi beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2015.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Die Musik- und Kongresshalle (MuK) werde überwiegend von Mittel- und Oberschicht besucht — mit dieser Äußerung in der Bürgerschaft hat der Grünen-Fraktionsvorsitzende Thorsten Fürter Staub aufgewirbelt. MuK-Chefin Ilona Jarabek bestreitet Fürters Einschätzung. „Seit ich die Geschäftsführung übernommen habe, war es mir wichtig, dass wir eine MuK für alle auf die Beine stellen“, sagt sie. Beim Publikum des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) sei die Mehrheit sicherlich besser betucht. „Aber wir haben regelmäßig Partys, und bei den Fußball-Welt- und Europameisterschaften auch Public Viewings. Bei der Handarbeits-Messe ,Schnipp Schnapp‘ stehen die Leute schon Schlange, bevor sie aufgemacht hat.“

Jörn Puhle, der für die SPD im Kulturausschuss sitzt, sagt über die Äußerung des Grünen-Fraktionschefs: „Es zeigt, dass Herr Fürter gar nicht in der realen Welt lebt.“ Er, Puhle, sei in der MuK bei Konzerten der Beatsteaks und der Toten Hosen gewesen. „Da habe ich nicht nur Ober- und Mittelschicht gesehen.“ Mike Hasemann, der in der MuK regelmäßig Ü-30-Partys veranstaltet, sagt: „Was ist überhaupt Mittelschicht? Was Oberschicht? Wir bedienen alle Schichten. Solange die Leute den Eintritt bezahlen und sich benehmen, lassen wir sie rein. Ob jemand Hartz-IV-Empfänger ist, das sehen wir nicht.“

Thorsten Fürter gibt zu, dass er keine Statistik über die soziale Zusammensetzung der MuK-Besucher habe. Er führt die Kongresse und Tagungen an, um seine These zu stützen: „Das ist etwas, wovon ich ausgehe — dass, wenn Zahnärzte oder die IHK oder die Landesregierung etwas veranstalten, es weniger Hartz-IV-Empfänger oder Obdachlose sind, die daran teilnehmen.“ Aber gerade das Kongressgeschäft, sagt Ilona Jarabek, ermögliche durch seine hohen Umsätze überhaupt erst die Kulturveranstaltungen.

Ragnar Lüttke aus der Linken- Fraktion glaubt zwar auch nicht, dass das Publikum der MuK sich so eindeutig bestimmten Schichten zuordnen lasse. „Aber der Einwand ist insofern berechtigt, als dass es nicht wirklich für alle ist, egal, wer da hingeht. Man kann sich fragen, warum jetzt, wo alles zusammenbricht, so viel Geld in die MuK gesteckt wird.“ Er verweist auf die Sanierung der Schultoiletten, die sich über Jahre hinziehe, während es bei der MuK eine schnelle Entscheidung gegeben habe.

Christian Kuhnt, Intendant des SHMF, hält es für falsch, einen solchen Zusammenhang herzustellen. Die MuK solle und müsse die Aufgaben einer Stadthalle erfüllen, sagt er. „Was mich wirklich erschreckt, ist, dass die Notwendigkeit des Saals insgesamt in Frage gestellt wird. Wo sollen wir uns denn sonst treffen?“ Fürters Äußerung über die angebliche soziale Auswahl des Publikums hält Kuhnt für „außerordentlich bedenklich“. Er wirft ihm vor, einen Keil zwischen gesellschaftliche Gruppen treiben zu wollen. „Das ist die Androhung eines Kampfes, von dem ich glaubte, er sei seit den 80er Jahren überwunden“, sagt Kuhnt. „Es trifft mich, wenn man so tut, als ob wir nicht die Breite der Gesellschaft bedienen“, sagt er mit Bezug auf das SHMF. „Wir wollen nicht für jeden alles bieten, aber wir wollen durchlässig sein.“

Henning Stabe (CDU), Vorsitzender des Kulturausschusses, kann eine soziale Spaltung bei der MuK nicht erkennen. „Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass das Publikum der MuK über alle Gesellschaftsschichten geht. Das Angebot der MuK ist ein Potpourri quer durch alle Unterhaltungssparten.“ Auch von dem in die Diskussion gebrachten Solidaritätsbeitrag der MuK-Besucher hält er nichts. Wichtig sei es, junge Leute frühzeitig an Kultur heranzuführen. „Ein Aufschlag auf den Eintrittspreis wäre kontraproduktiv. Es ist der Kreativität der MuK überlassen, da eine Kampagne aufzulegen.“

Hanno Kabel

Die MuK und die Eliten: Falscher Gegner

Die staatliche Kulturförderung steht latent unter dem Verdacht, einem wohlhabenden, bürgerlichen Publikum zu Diensten zu sein. Nicht ohne Grund: Über viele Jahrzehnte bestimmte eine kleine Elite, was als Kultur gelten dürfe, und ganz verschwunden ist dieser Besitzanspruch des Bürgertums bis heute nicht.
Aber den Kampf dagegen ausgerechnet an der Lübecker MuK festzumachen, ist absurd. Die MuK ist, von Ausnahmen abgesehen, selbst nicht einmal Veranstalter. Sie vermietet ihre Säle für gutes Geld, braucht einen vergleichsweise geringen Zuschuss und erfüllt eine wichtige Funktion für die Stadt – als ein Ort, der fast jedem etwas Interessantes bietet.
Nicht weniger absurd wird das Ganze dadurch, dass der grüne Politiker Thorsten Fürter auf die soziale Zusammensetzung des Kongresspublikums anspielt. Dass zu einem Ärztekongress nur Ärzte kommen, ist weder überraschend noch skandalös; und es sind gerade die Kongresse, mit denen die MuK ihr Kulturprogramm quersubventioniert.

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