Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Sturm, Drang und Rock’n’Roll

Kiel Sturm, Drang und Rock’n’Roll

Schiller-Krimi im Großformat: Live-Band, Film und Action – „Die Räuber“ in der Inszenierung von Daniel Karasek beim Sommertheater in Kiel.

Voriger Artikel
Mit Haydn in den Musik-Sommer
Nächster Artikel
Kunst vom Land

Videos zeigen, was der Text nicht offenbart: Im Penthouse der Moors wartet Karls Braut Amalia (Magdalena Neuhaus).

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Der Himmel dräut so steingrau düster über dem Ostufer, als wollte gleich das große Drama losbrechen, die Welt versenken und die Ordnung auf den Kopf stellen. Passt gut zu Friedrich Schillers Dramenerstling „Die Räuber“, bei dessen Uraufführung 1782 die Damen in Ohnmacht fielen und die Männer ihren heiligen Zorn herausbrüllten. Auch Regisseur Daniel Karasek und sein Team fahren im Sommertheater am Kieler Seefischmarkt zur Begeisterung des Premierenpublikums groß auf: Live-Band, Film, Action, Rockoper. Die spielt freilufttauglich mit Pathos und Platzpatronen, mit großer Pose und Jugendzentrum-Charme.

 

LN-Bild

Eine jugendbewegte Anarcho-Truppe auf der Freiluft-Bühne: Oliver E. Schönfeld (l.) als Karl Moor und Rudi Hindenburg als sein teuflischer Räuber-Kumpan Spiegelberg.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Lars Peters Bühne teilt sich links in eine Art neureiches Penthouse mit Flügel und Ausblick, in dem sich die Grafen Moor eingeigelt haben, rechts in eine Bauwagensiedlung mit Feuerschale und Autoreifen, an denen die Räuber ihren anarchischen Geist wärmen. Zwei Welten, die nicht zusammen kommen, zwischen denen die Geschichte aber locker switchen kann.

Karasek und Dramaturg Jens Paulsen haben den ausufernden Text eng am Originalklang gelassen und geschickt verdichtet. Hier Franz, der ungeliebte Sohn, der den alten Moor umkriecht, umgarnt und den großen Bruder Karl mit beiläufigen Bosheiten in Misskredit setzt. Und neben der Erbschleicherei stellt er noch Karls Mädchen Amalia nach. Da Karl, der Draufgänger und Idealist, dem das Denken erst einfällt, wenn die Stadt schon niedergebrannt ist.

Oliver E. Schönfeld zeigt diesen Karl als spannend zwiespältige Figur – düster vergrübelt und aktionistisch auffahrend, während Marko Gebbert seinen Franz ganz im Trauma des vernachlässigten Kindes aufgehen lässt. Magdalena Neubauers selbstbewusst sehnsüchtige Amalia jedenfalls lässt ihn ganz locker abblitzen. So einer traut man auch zu, dass sie ihren Karl am Ende wieder resozialisiert.

Drumherum singen die Räuber „Freiheit oder Tod“ und „Wir sind eine Idee“ – eine jugendbewegte Anarcho-Truppe mit zeitgemäß weiblicher Verstärkung: Jessica Ohl als loyale Roller, Jennifer Böhm eine desillusionierte Kosinsky. Als Mephisto lässt Rudi Hindenburg seinen Spiegelberg aufmarschieren, dem Christian Kämpfers Schweizer klar Kontra gibt.

Regisseur Karasek ist mehr damit beschäftigt, der Geschichte zu folgen als den Figuren nachzuspüren. Das treibt den ersten Teil, in dem die Intrige wirksam wird und die Räuber zusammenfinden, rasant voran und driftet nach der Pause doch ins Schematische. Der Schiller-Text wird poetisch durch die Song-Maschine von Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff (beide Mitglieder der Hamburger Indie-Rockband Kettcar) gedreht, ihre Musik deutet Deutsch-Rock an, Schlager und Chanson, Hiphop und Punk. So wird der erste Monolog von Franz, dieser zwischen Großmannssucht und Selbstmitleid pendelnde Ego-Trip, zum ruppigen Rap, konzentriert sich Amalias Sehnen in ihren Balladen zum Gefühl. Zacharias Preen röhrt die Klagen des alten Moor, Imanuel Humms Pater zelebriert düsteren Sprechgesang. Die Band um Thure Rückwardt setzt das energisch, wenn auch am Premierenabend noch etwas mechanisch um.

Was Songs, Schauspieler und selbst Schiller nicht erzählen, flimmert in Kurzfilmen über die Leinwand: Kindheitserinnerungen im Super-8-Modus, wabernde Traumsequenzen oder Gangsta-Gehabe im Kieler Umland konterkarieren das große Drama schön jugendtheatermäßig. Alles passiert hier im Großformat, und genau so muss das sein beim Sommertheater. Dass das Drama dabei nicht immer ganz so groß wird, ist zu verschmerzen. Schließlich sind Sturm, Drang und Rock ein zwingendes Trio, mit dem sich dieser Schiller-Krimi vor allem unterhaltsam zeigt.

Die Lieder kommen von Kettcar

Marcus Wiebusch (48) und Reimer Bustorff (45) haben die Songs für die Kieler Uraufführung von „Die Räuber“ getextet und komponiert. Die beiden sind die Köpfe der Indie-Rockband Kettcar, eine der erfolgreichsten deutschen Bands der Gegenwart („Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd“) . Die beiden haben zum ersten Mal Musik für das Theater geschrieben. Kiels Generalintendant Daniel Karasek hat die Rockoper inszeniert.

„Die Räuber“, Seefischmarkt Kiel (Ostufer der Förde) Wischhofstraße, bis 17. Juli. Karten: ☎ (0431) 901 901

Ruth Bender

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden