Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° Gewitter

Navigation:
Suche nach dem bedeutsamen Leben

Lübeck Suche nach dem bedeutsamen Leben

In seinem neuen Roman „Außer uns spricht niemand über uns“ lässt Wilhelm Genazino den namenlosen Protagonisten sein eigenes Schicksal beobachten.

Lübeck. Alterslos, namenlos, teilnahmslos: Der Ich-Erzähler des neuen Romans „Außer uns spricht niemand über uns“ von Wilhelm Genazio ist ein Mann ohne Eigenschaften, der sich nach einem bedeutsamen Leben sehnt.

 

LN-Bild

„Als Schriftsteller ist man sein ganzes Leben lang Lehrling“: Wilhelm Genazino (73) hat schon vor Jahren überlegt, mit dem Schreiben aufzuhören. Nun gibt es wieder einen neuen Roman.

Quelle: Arne Dedert/dpa

Ich konnte nur schwer akzeptieren, dass meine Lebenszeit in einem Landcafé dahinging.“

Er ist wieder einer dieser ziemlich verschrobenen Großstadtbewohner. Eigentlich wollte er Schauspieler werden, konnte jedoch in diesem Beruf nicht Fuß fassen und flaniert durch das Leben. „Zum wiederholten Mal dachte ich: Dein Leben ist nicht verpfuscht, es steht nur still“, lässt Genazino ihn sagen. Der Ich-Erzähler ist ein scharfer Beobachter des Alltags, der sich in seiner Stadt, die als Frankfurt am Main zu erkennen ist, über vieles wundert. Er isst gern in einem Restaurant zu Mittag, das ihm wie ein Altersheim vorkommt. Er mag Orangen und hat einen Hang zur Vernachlässigung, jedenfalls dann, wenn es um seine Unterwäsche geht. Ziemlich viel Trostloses steckt in diesem Mann, eine Trostlosigkeit, die amüsant sein kann. Etwa, wenn es um eine Urlaubsreise geht und der Ich-Erzähler bemerkt, die Schweiz sei zu teuer: „Bald wird man in der Schweiz auch für das Betrachten der Berge Gebühren bezahlen müssen.“

Der lockere Ton, den Genazino pflegt, ist geblieben. Man hat aber den Eindruck, dass der Blick des inzwischen 73-jährigen Schriftstellers sich verdüstert hat. Freundschaft, Liebe, Trennung, Tod – es geht um existentielle Themen. An der Hauptakteur scheinen sie aber vorbeizuziehen, weil er sein Leben nur geschehen lässt.

Da es mit einer Karriere als Schauspieler nichts geworden ist, arbeitet er – wenn er überhaupt arbeitet – hin und wieder für den Rundfunk. Oder er moderiert Modeschauen auf dem Land. Letzteres tut er aus Angst vor plötzlichen finanziellen Engpässen und nur mit Widerwillen: „Ich konnte nur schwer akzeptieren, dass meine Lebenszeit in einem Landcafé dahinging“, sagt er. „Mein Verlangen nach Bedeutsamkeit wurde hier zu einer Karikatur, an der ich auch noch selbst schuld war.“

Um sein Liebesleben ist es nicht viel besser bestellt. Man erfährt nicht so recht, was ihn mit seiner Lebensgefährtin Carola, einer 35 Jahre alten Telefonistin, verbindet. Es gibt viel Sex, den er detailreich, aber seltsam leidenschaftslos schildert. Eigentlich ist er davon überzeugt, dass er und Carola nicht zusammenpassen. Trotzdem hält er an der Beziehung fest. Denn „Carola hielt fast alles, was sich zwischen uns ereignete, für immer neue Zeichen von Liebe und Zukunft“.

Carola verlässt ihn. Später begeht sie Suizid. Dem Ich-Erzähler dämmert nach der Trennung, „dass ich durch den Verlust von Carola in einem sich langsam fortfressenden Desaster gelandet war“.

Genazino hat mit diesem verkrachten Radio-Sprecher eine Figur geschaffen, die man eine Zeitlang gern begleitet. Interessant ist sie wegen ihres klugen Kopfes, ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihrer Fähigkeit, Erlebnisse und Gedanken in schöne Worte zu kleiden („Lebensaufschiebung war auch der Grund, weshalb ich mir Tomaten kaufen würde; ich legte sie in der Wohnung da und dort hin, um mich an ihrem Anblick zu erfreuen“). Auch an Erkenntnis mangelt es dem Ich-Erzähler nicht („Bedeutsamkeit lag überall herum und schaute zu, wie sie nicht erkannt wurde“).

Seine Ich-Bezogenheit und seine Handlungsunfähigkeit können einem jedoch ganz schön auf den Wecker gehen. Hier lässt einer sein Leben nur über sich ergehen, und zwar derart krass, dass der Ich-Erzähler wie eine Kunstfigur wirkt, an deren Geistesblitzen man gern Anteil nimmt, für den man aber Mitgefühl kaum aufbringen kann. Das macht den Abschied nach 155 kurzweiligen Seiten dann doch nicht allzu schwer.

„Außer uns spricht niemand über uns“ von Wilhelm Genazino, Hanser Verlag, 155 Seiten, 18 Euro

Von Beruf Journalist

Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, arbeitete nach dem Abitur als freier Journalist, dann als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt war er bei der Satire-Zeitschrift „Pardon“ tätig. Er studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie. Seit 1971 ist er freier Schriftsteller. In den späten 1970er Jahren wurde er durch seine „Abschaffel“-Trilogie bekannt, in der er das Innenleben eines kleinen Angestellten beschrieb. Im Mittelpunkt seiner Romane stehen meist mittelmäßige Männer mittleren Alters. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Seit 1990 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Genazino lebt in Frankfurt am Main.

Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden