Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Szenen aus einem zerbröselnden Staat
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Szenen aus einem zerbröselnden Staat
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:31 25.10.2013
Gefügiger Mann, feinnervige Frau: Amadeus Köhli und Brit Claudia Dreher. Quelle: Winkler

Es ist so, als hätten sie ständig Angst, einen Fehltritt zu tun. Deshalb bewegen sie sich, oft ruckartig wie Roboter, nur auf vorgezeichneten Wegen, die aus rechteckigen Platten bestehen, aneinander gelegt wie Dominosteine auf dem Boden im Schweriner E-Werk. Fremdgesteuerte Menschen in einem geschlossenen System. Und damit hatte Oliver Kluck, Autor der Textcollage „Männer Frauen Arbeit“, einen Staat vor Augen, den es längst nicht mehr gibt: die DDR.

Die Inszenierung des Staatstheaters Schwerin unternimmt den tastenden Versuch einer Auseinandersetzung mit Klucks schwieriger Vorlage, die eher einem Gedanken-Katarakt gleicht als einem Stück. David Czesienski und Robert Hartmann, Mitglieder des fünfköpfigen Berliner Regie-Kollektivs Gonzo, fixieren sich bei ihrer Inszenierung nicht auf die zerbröselnde DDR. Wo eigentlich leben die Menschen, die sie auf die Bühne stellen? Noch im Osten, schon im Westen, zeitgleich in beiden Welten? Man weiß es nicht so genau, aber man sieht, dass sie in zerfallenden Strukturen leben. Familienbande lösen sich auf, Beziehungen gehen kaputt, Personen verlieren ihre Identität. Die Krise ist überall.

Die auch fürs Bühnenbild verantwortlichen Regisseure zeigen, wie sowieso schon hohle Ordnungen zerbrechen. Wüst zerstückelt die vorher abgezirkelten Plattenwege, wild durcheinandergeworfen die einmal aufgereihten Aktenordner. Einprägsame Sinnbilder, die aber nicht verdecken können, dass auch das Gonzo-Duo an Grenzen stößt bei der szenischen Umsetzung eines Textes, der nichts anderes ist als der chaotisch zerklüftetete innere Monolog eines Individuums. Dessen Persönlichkeit löst sich auf wie die Ordnung, und deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Figur von gleich mehreren Darstellern gespielt wird.

In Schwerin ist es neben Sebastian Reusse vor allem Amadeus Köhli, der den ins Herrschaftsgefüge eingepassten Mann verkörpert. Er tut es mit bräsigem Gleichmut, der aber, weil satirisch satt eingefärbt, nie dazu führt, dass man das Interesse verliert an der zwischen Frauenverachtung und Sexbesessenheit, Staatstreue und Zynismus schillernden Gestalt. Stark auch Jochen Fahr als todkranker Machthaber und Christoph Götz als junger Rebell, aber stärker noch sind die Frauen. Die wunderbar feinnervige Brit Claudia Dehler und die herrlich coole Lucie Teisingerova untergraben mit Ironie die morsche Welt der Männer.

Nächste Vorstellung: morgen, 18 Uhr; Karten: (0385) 53 00 123

Hermann Hofer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Volkskundemuseum in Schönberg feiert 110. Geburtstag. Die stellvertretende Landrätin Kerstin Weiss bezeichnet die Stätte als ein Juwel für die Stadt.

25.10.2013

Hass kann ansteckend sein. „Tod dem Moby Dick“, verkündet Kapitän Ahab, und sein Matrose Ismael stimmt ein: „Tod dem Moby Dick!“ Starbuck, der Steuermann, ruft nur „Tod“.

25.10.2013

Die Initiative des Heimatvereins findet immer mehr Sponsoren. 40 Straßenzüge in der Stadt wurden bereits ausgeschildert.

25.10.2013
Anzeige