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Kultur im Norden Tatort „Tagesschau“
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18:16 04.01.2016

Das konnte den flüchtigen Betrachter schon verwirren: Da ging um 20.15 Uhr die ganz reale „Tagesschau“ zu Ende. Alles wie immer: Zettelsortieren, und nun das Wetter für morgen. Ende. Fadenkreuz, Krimivorspann. Aber dann, um 20.16 Uhr, folgte: noch mal das „Tagesschau“-Studio — Sprecherin Judith Rakers wird von einem maskierten Mann mit einer Waffe bedroht. Die ARD-Nachrichtenzentrale war über weite Strecken des „Tatort“-Krimis mit Til Schweiger Schauplatz einer Geiselnahme durch Terroristen. Wer zwischen Wetterbericht und Krimi den „Tatort“- Vorspann verpasst hatte, konnte sich kurz wie im falschen Film vorkommen. Terror in Hamburg? Oder wie oder was?

Ein Hauch von Orson Welles‘ „Krieg der Welten“ war da zu spüren — jener als Hörspiel gedachten fiktiven Radioreportage, die der US-Sender CBS am Abend vor Halloween 1938 ausstrahlte. Viele Hörer hielten die Meldungen von der Marsianer-Invasion auf der Erde damals für bare Münze. „Krieg der Welten“ wurde zum heiß diskutierten Sündenfall, was die Vermischung von Fiktion und Realität angeht.

„Das war für uns ein Schock“, sagte Orson Welles später, „dass H. G. Wells‘ alter Klassiker bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“

Bei der ARD dagegen war das Spiel mit den Ebenen am Sonntagabend eine bewusste dramaturgische Entscheidung.

Nicht, um die Zuschauer zu täuschen, sondern um ein Authentizitätsgefühl herzustellen, das die Spannung erhöht. Regisseur Christian Alvart mutete dem Publikum damit viel zu. Auch Nachrichtenmoderatoren wie Thomas Roth oder Linda Zervakis traten auf. Ist das zulässig? Darf man die ikonografischen Symbole des Nachrichtenflaggschiffs nutzen, um einen Thriller aufzuwerten?

Die Vermengung von seriösen Nachrichtensendungen und Fiktion birgt Risiken. Gerade in einer Zeit, in der der Journalismus um das Vertrauen des Publikums zu kämpfen hat. Die ARD hatte die Ausstrahlung der beiden am Freitag und Sonntag gesendeten „Tatort“-Folgen nach den Terroranschlägen von Paris am 13. November verschoben — vor allem wegen des zweiten Teils mit dem Titel „Fegefeuer“. In Zeiten größter Unsicherheit wäre das muntere Chiffrespiel kaum zu vermitteln gewesen.

Zuschauer können erstaunlich leichtgläubig sein, was reales und fiktionales Fernsehen betrifft. Beim WDR kennt man Zuschriften, in denen sich Menschen um frei werdende Wohnungen in der „Lindenstraße“

bewerben, sobald jemand vom Serienpersonal abtritt. Ein Möchtegernmieter schrieb, er habe nichts dagegen, wenn sonntags bei ihm gedreht würde. „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer berichtet von Briefen, in denen „Marienhof“-Zuschauer die „italienische Schönheit Teresa“ anschmachteten, die „es nicht verdient hat, so schlecht behandelt zu werden. Deshalb möchte ich sie persönlich kennenlernen.“

Nicht wenige ARD-Zuschauer, sagt Hofer, begriffen „Fiktion nicht als Realität zweiter Ordnung, sondern als direkte Wirklichkeit. Und das sind beileibe keine Ausnahmefälle.“ Höhepunkt solchen Realitätsverlustes war das Schreiben eines Mannes, der fest an die beidseitige Durchlässigkeit der Mattscheibe glaubte: „Langsam bin ich es leid, mich von den Sprechern der ,Tagesschau‘ beim Abendessen beglotzen zu lassen."

Menschen, die solche Briefe schreiben, wird man kaum erklären können, dass das im (nachgebauten) Studio keine echten Terroristen waren.

Hauptdarsteller Til Schweiger meldete sich noch in der Nacht zum Montag provozierend zu Wort. Er attestierte seinem Regisseur Alvart, mit „Fegefeuer“ „ein Stück deutsche Fernsehgeschichte“ geschaffen zu haben: „Kompromisslos, atemlos, viril, phantastisch für das schmale Geld . . .“ Und: „Ich, Til Schweiger, feier‘ dich jetzt mal richtig derbe ab!!!“

Allerdings sahen nur 7,69 Millionen Zuschauer den vierten Teil seiner „Tatort“-Saga. Bei seinem Debüt 2013 waren es 12,57 Millionen Menschen.

Imre Grimm/mib

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