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Tauziehen der Gebeutelten

Hamburg Tauziehen der Gebeutelten

John Steinbecks Flüchtlingsroman „Früchte des Zorns“ in einer politisch seltsam enthaltsamen Bühnenversion am Thalia Theater.

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Zentrales Requisit der Inszenierung: Eine riesige Plane, an der Tom Joad (Kristof Van Boven/von links), Onkel John (Rafael Stachowiak) und Mutter Joad (Marina Galic) ziehen.

Quelle: Armin Smailovic

Hamburg. Hundertausende zogen in den 1930er Jahren über die heute legendäre Route 66 von Ost nach West. Farmerfamilien aus Oklahoma und Arkansas, fliehend vor einer fürchterlichen Dürre, weggejagt aus ihrer Heimat von den Großgrundbesitzern, weil sie deren Pachtforderungen nicht mehr nachkommen konnten. Zahllose Menschen, die sich nun anderswo, im sonnigen und fruchtbaren Kalifornien, eine neue Existenz aufbauen wollten. Statt des erhofften Glücks wartete dort aber etwas ganz anderes auf sie: Diskriminierung, Ablehnung, Ausbeutung. Ein Drama, das John Steinbeck im 1939 veröffentlichten Roman „Früchte des Zorns“ in einem großen epischen Wurf geschildert hat.

Jetzt hat sich das Thalia Theater des Stoffes angenommen, der wie geschaffen dafür erscheint, ein scharfes Schlaglicht zu werfen auf die Flüchtlingssituation, mit der Europa heute konfrontiert ist.

Der historische Roman als Modell für die Gegenwart. Chance zu einem lauten Zwischenruf in der derzeit wabernden Debatte. Aber Luk Perceval, der die Bühnenfassung in Kooperation mit dem NTGent inszeniert hat, vertut sie. Scheu vor einer ins Platte abrutschenden Aktualisierung? Verkennung der unverminderten Brisanz, die in der Vorlage steckt? Wie auch immer — statt das (sozial-)kritische Potential des Romans herauszupräparieren und aktuell zuzuspitzen, verliert sich der Regisseur im Allgemeinmenschlichen, wobei Steinbecks Motive allenfalls noch in Spurenelementen vorhanden sind.

Findet man sich allerdings mit Percevals Verzicht auf eine politisch zupackende Interpretation ab, sieht man schönes altes, künstlerisch ausgetüfteltes Theater, in dem es nicht mehr um akute Flucht und Vertreibung geht, sondern um zeitloses Leben und Überleben, Sterben und Tod. Getaucht ist dieses nun ganz andere Drama der menschlichen Existenz in ein mild goldenes Oktoberlicht im weit aufgerissenen Bühnenraum (Annette Kurz), durch den unentwegt Herbstblätter heruntertaumeln auf die alsbald damit zugedeckten Bretter. Dort, wo das Elend fast pittoreske Züge annimmt, sind die fünf übrig gebliebenen Mitglieder der im Buch weit größeren Familie Joad und der vom Glauben abgefallene Prediger Jim Casy vereint in einer Elegie des Dahinschwindens und des Kampfes dagegen, die Steinbecks großartigem Zeitpanorama zwar nicht andeutungsweise gerecht wird, aber für sich genommen durchaus gelungen ist.

Perceval arrangiert hinreißend schöne Gruppenbilder, entwickelt eine Choreographie, die eine starke Spannung herstellt zwischen langsamen Gängen und schnellen Aktionen, erzeugt zudem eine Atmosphäre, die nachdrücklich an Samuel Becketts Existenzspiele erinnert. So könnte der über Gott und Welt wie ein Clown philosophierende Casy glatt einer „Godot“-Aufführung entsprungen sein, und der kahle Baum, den die Familie auf ihrer Flucht mit sich schleppt wie ein Zeichen ihres Widerstands gegen das Vergehen, ist von der gleichen Art. Theaterkunst von einst — überzeugend reloaded. Das gilt auch für das zentrale Requisit der ganzen Inszenierung, eine riesige, multifunktional eingesetzte Plane, die mal das Verdeck des bloß virtuellen Lastwagens darstellt, mit dem die Joads unterwegs sind, mal das Zeltdach, unter dem sie sich versammeln, mal (im zusammengeknüllten Zustand) den Leichnam des Großvaters, der auf der Fahrt ins vermeintlich gelobte Land gestorben ist.

Hervorstechend unter den Schauspielern, die mit rhythmischem Stampfen die Fahrt ins Ungewisse verblüffend simulieren, ist Bert Luppes als Casy, der ausgestattet mit Zylinder und Megaphon wie der wunderliche Zeremonienmeister einer seltsamen Veranstaltung erscheint, in der die Zumutungen des Lebens verhandelt werden. Weitaus verwurzelter in der Wirklichkeit Mutter Joad (Marina Galic), madonnenschön Mariia Shulga als Tochter Rose, die wunderbare Lieder wie „Summertime“ oder „My baby just cares for me“ singen darf, am Ende aber ein totes Kind gebären muss. Gestorben wird in den knapp zwei Stunden insgesamt dreimal. Und die Aufführung? Sie stirbt in Schönheit.

Nächste Vorstellung: Freitag, 5. Februar, 20 Uhr. Karten: 040/32 81 44 44.

Erfahrungen mit Romanen
Luk Perceval (Foto), Leitender Regisseur am Hamburger Thalia Theater, hat im März 2015 Günter Grass‘ Roman „Die Blechtrommel“ an seinem Haus auf die Bühne gebracht. Zusammen mit den Schauspielern der Produktion reiste der Belgier im Februar nach Lübeck, um mit Grass persönlich über die Figuren des Romans zu sprechen. Eins der Hauptprobleme, auf das auch der Nobelpreisträger keine spontane Antwort wusste, war die Frage, wie man mit einer Theaterfassung gegen den mit einem Oscar gekrönten „Blechtrommel“-Film anspielen könnte. Der Konflikt zwischen Hauptperson Oskar und dem, was erzählt wird, war Perceval und seiner Mannschaft auch noch nicht recht klar. Darauf antwortete Günter Grass ironisch: „Ihr seid selbst schuld, wenn Ihr Euch einen solch unhandlichen Brocken aussucht!“ Der „Spiegel“ schrieb über die Premiere: „Tempo, Slapstick und solides Remmidemmi“.

Hermann Hofer

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