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Technik, Tod und ewiges Leben

Lübeck Technik, Tod und ewiges Leben

Der niederländische Konzeptkünstler Joep van Liefland zeigt in Lübeck seine Installation „Real Resurrection“ (reale Wiederauferstehung).

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Wie aus einem Technik-Museum: Konzeptkünstler Joep van Liefland mit einer alten Filmrolle.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Lübeck. „Videothek Seefeld“ steht in Leuchtschrift über der Eingangstür der Overbeck-Gesellschaft. In den Ausstellungsräumen des Kunstvereins wurden Decken abgehängt, Zwischenwände gezogen, Fußboden in Mosaik-Optik verlegt. Der niederländische Konzeptkünstler Joep van Liefland hat hier eine Videothek im Stile der 1970er und 1980er Jahre eingerichtet.

„Ich bin eine Videokassette – ein Speicher von Informationen.“ Joep van Liefland,

Konzeptkünstler

Videokassetten sind akkurat in Regalen gestapelt. Strippen hängen von der Wand. Alte Maschinen, Abspielgeräte für Videokassetten oder Filme, stehen herum. Einige sind von einer Staubschicht bedeckt.

Niemand solle glauben, dieser Kerl habe vergessen zu putzen, sagt van Liefland: „Das muss so sein.“ Auch der Staub ist Teil seiner Installation „Video Palace #44“. Sein Material ist alte Technik, sein Thema Erinnerung und Unsterblichkeit.

Joep van Liefland, 1966 in Utrecht geboren und seit 20 Jahren in Berlin zu Hause, sammelt seit langem Video-Technik von früher, die der mittleren und älteren Generation noch vertraut, für die Jungen aber Geschichte ist. Er selbst hat eine enge Beziehung dazu, weil er als Jugendlicher gern auf der Couch liegend Videos sah: „Das war meine Lieblingsbeschäftigung.“

Im Foyer empfängt ein altes Plakat die Besucher, im ersten Ausstellungsraum hängen großformatige Siebdrucke, stark aufgepumpte Fotos von Störungsbildern oder Kabeln, auf dem Fußboden in Bronze gegossene Videokassetten, ein Abspielgerät, wieder Kabel. „Ich will den Dingen Langlebigkeit geben“, sagt der Künstler.

Wer weitergeht, kommt durch einen schlecht beleuchteten Gang an Regalen voller Videokassetten vorbei. In einem weiteren Raum der Videothek hängen Collagen an den Wänden. Ein schwarzer Monolith aus Plexiglas steht im Raum. Ansonsten ist der Ort voller Geräte: Videorekorder, Monitore, Fernbedienungen unter Glas an einer Wand.

Techniken und Geräte, die einmal zukunftsweisend waren, wirken heute fast rührend in ihrer Klobigkeit. Van Liefland zeigt ein Filmabspiel- oder -schneidegerät, das ungefähr einen Meter breit ist, die Rollen groß wie ein Autorad, das Filmband fünf oder sechs Zentimeter breit. Darauf ließen sich damals so wenige Informationen unterbringen, dass sich das Band mit großer Geschwindigkeit drehen musste.

Im letzten Ausstellungsraum stehen weitere Bronze-Kassetten-Statuen, eine mannshoch. An den Wänden finden sich in Glasvitrinen sorgsam gestapelte Videokassetten mit Titeln wie „Ich glaub’ mich knutscht ein Elch“ oder der Bridget-Jones-Kracher „Schokolade zum Frühstück“. „Die schwierigsten Dinge sind die, die so einfach aussehen“, sagt van Liefland. Er überlässt nichts dem Zufall. Den Staub nicht und die Stapel nicht. Die Hüllen sind hoch und quer so angeordnet, dass sich Felder wie bei Piet Mondrian ergeben. „Ich male mit den Kassetten ein Bild.“

Was soll das alles? „Ein Kabel ist nicht nur ein Kabel, eine Videokassette nicht nur eine Videokassette“, erklärt der Künstler, in ihnen steckten viele Informationen wie in einem Menschen auch:

„Ich bin eine Videokassette.“ Dieses Medium hat für ihn Symbolcharakter. Denn es kann Dinge festhalten, die längst nicht mehr existieren, Menschen zeigen, die schon lange tot sind.

So viel Witz in diesem Künstler und in seiner Kunst steckt, so ernst und ambitioniert ist sein Anliegen. „Für mich geht es darum, wie die Technik uns dazu bringen wird, unseren Tod überwinden zu können“, sagt er. Viel hat er sich mit dem russischen Philosophen Nikolai Fjodorow (1829-1903) auseinandergesetzt, der sich mit dem uralten Menschheitstraum der Unsterblichkeit beschäftigt hat.

Er selbst sei weder Philosoph noch Forscher, betont van Liefland. „Ich bin ein Phantast.“ Mit Hilfe alter Geräte wolle er zeigen, wo wir uns befinden.

Gespräche über Kunst

Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 28. August, um 17 Uhr im Overbeck-Pavillon (Zugang durch die Bürgergärten). Bis 9. Oktober, Di bis So

von 10 bis 17 Uhr.

Im Rahmenprogramm gibt es mehrere Veranstaltungen:

„Im Kontext – Gespräche über Kunst“ am 4. und 25. September und 9. Oktober, jeweils um 16 Uhr.

„OverBlick – Workshops für Kinder und Jugendliche“ am 17. September und 8. Oktober, jeweils von 12 bis 16 Uhr. Anmeldung unter Telefon (0451) 74760.

„Art Talks – International Day“, Führung auf Englisch. Do, 15. September, 17 bis 19 Uhr.

„Extraschicht – Afterwork im Pavillon“, 6. Oktober, 20 Uhr.

Liliane Jolitz

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