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Tempel der verbotenen Bücher

Kassel Tempel der verbotenen Bücher

Die Documenta beginnt zwar heute in Kassel, aber nur fürs Fachpublikum. Doch auch ohne Zugang zu den Ausstellungsorten gibt es bereits viel zu sehen.

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Strahlt nachts auf dem Friedrichsplatz von Kassel: Documenta-Kunstwerk „The Parthenon of Books“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín.

Quelle: Fotos: Uwe Zucchi/dpa

Kassel. . „Museum Fridericianum“ – der Schriftzug gehört zu Kassel wie die Kupferstatue des griechischen Halbgottes Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe. Doch nun ist der Museumsname weg. Stattdessen steht auf der Front des Gebäudes, in dem 1955 die erste Documenta stattfand: „Being safe is scary“, auf deutsch: „Sicher zu sein, macht Angst.“ Ausgetauscht hat den Schriftzug die in der Türkei geborene Künstlerin Banu Cennetoglu. Sie widmete sich bei der Documenta in Athen ihrer Landsfrau Gurbetelli Ersöz, einer prokurdischen Journalistin und früheren Freiheitskämpferin, die 1997 in Südkurdistan bei Kämpfen getötet wurde Wie der geänderte Schriftzug sind kurz vor Start der Ausstellung in Kassel mehrere Kunstwerke umsonst und draußen zu sehen. Dass es noch einige mehr werden, ist möglich. Besonders in der Aue, dem stadtnahen Park, wurde zu Beginn der Woche noch gearbeitet.

In und an einem Wassergraben montierten Arbeiter grüne und schwarze Kegel – die gab es auch bereits in Athen zu sehen. „When elephants fight, it is the frogs that suffer“ heißt die Klanginstallation des US-amerikanischen Künstlers Ben Patterson in Griechenland, bei der Menschen die Geräusche von Fröschen imitierten. Wenn Elefanten kämpfen, haben darunter die Frösche zu leiden.

Die Ausstellungsmacher wollten sich gestern angesichts der bevorstehenden Eröffnung in Kassel nicht mehr zu neuen Kunstwerken in der nordhessischen Stadt äußern. Bereits einen Besuch wert sind folgende Kunst-Orte:

Die verhüllte Torwache Die historische Torwache ist verschwunden hinter alten Jutesäcken. Das Kunstwerk wirkt zunächst wie eine schmutzige Miniversion der Reichs tags-Verhüllung von Christo, entwickelt aber einen eigenen Charme. Der in Ghana geborene Künstler Ibrahim Mahama verwendet zerschlissene Säcke, die er von Händlern im Tausch gegen neue erhält. Jedes Stoffstück wirkt wie ein Unikat. „In diesen Säcken materialisiert sich die Geschichte des Welthandels“, erklären die Documenta-Macher.

Kanalrohre mit Innenleben Zunächst schienen die gestapelten Rohre auf dem Kasseler Friedrichsplatz eher Vorbote einer Kanalsanierung als ein Kunstwerk zu sein.

Mittlerweile haben sie aber ein Innenleben bekommen. Der aus dem Irak stammende Künstler Hiwa K. hat sie mithilfe von Studenten so ausgebaut, als lebten Menschen darin. Das Kunstwerk hat laut Documenta auch Bezüge zu Hiwa K.s Biografie: Der Künstler floh an Bord eines Lkw in übereinandergestapelten Baurohren aus dem Irak.

Parthenon der Bücher Er steht an prominenter Stelle in Kassels Innenstadt, ist eines der größten Kunstwerke bisher und schon jetzt eine Attraktion: der Parthenon auf dem Friedrichsplatz. Der Nachbau des Akropolis-Tempels ist mit Tausenden einst oder gegenwärtig verbotenen Büchern aus der ganzen Welt verkleidet. Das Werk der argentinischen Künstlerin Marta Minujín wird nachts angeleuchtet.

Die Mühle des Blutes Neben dem Büchertempel gehört die „Mühle des Blutes“ wohl zu den meist fotografierten Kunstwerken bisher. Der Grund: Die Installation des mexikanischen Künstlers Antonio Vega Macotela steht direkt vor dem historischen Orangerieschloss in der Karlsaue. Auf Stelzen hat Macotela eins zu eins eine Mühle nachgebaut, mit der Minen-Sklaven in Bolivien Silbermünzen herstellen mussten.

Der Obelisk Die spitze Steinsäule auf dem Kasseler Königsplatz ist ein Beispiel, wie Documenta- Künstler in Kassel fortsetzen, was sie in Athen anfingen: Der in Nigeria geborene Olu Oguibe beschäftigte sich in Griechenland mit der menschlichen Tragödie des nigerianischen Bürgerkriegs. Seine künstlerische Arbeit in Kassel bezieht sich nun laut den Ausstellungsmachern auf die humanitäre Hilfe, die die Opfer erhielten. „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ steht in Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch auf dem Obelisken.

Man muss nicht alles sehen

Adam Szymczyk (47) ist künstlerischer Leiter der Documenta 14. Der Pole war bis 2014 Direktor und leitender Kurator der Kunsthalle Basel.

Heute öffnet die Weltkunstausstellung in Kassel für Fachbesucher, Szymczyk wird Journalisten aus aller Welt sein Konzept erklären. Ab Sonnabend d arf das Publikum die größte und wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst betreten. Mehr als 160 Künstler zeigen an 30 Orten in Kassel ihre Arbeiten. In Athen, das in diesem Jahr gleichberechtigter Standort ist, läuft die Documenta bereits seit April. Bis die Ausstellung am 17. September nach 163 Tagen endet, sollen beide Orte von bis zu einer Million Menschen besucht worden sein, so viele wie nie zuvor. 25 000 Tickets wurden für Kassel vorab verkauft, das Tagesticket kostet 22 Euro.

„Wir bitten die Besucher, sich Zeit zu nehmen und die Erfahrung der Weite zu genießen, ohne sich zu verpflichten, alles zu sehen und zu erleben“, sagt Adam Szymczyk.

Göran Gehlen

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