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„Theater versöhnt uns mit dem Leben“

„Theater versöhnt uns mit dem Leben“

Sven-Eric Bechtolf verabschiedet sich als Schauspieldirektor und Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele.

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Sven-Eric Bechtolf – der scheidende Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele als „Teufel“ bei einer „Jedermann“-Vorstellung. Der „Jedermann“ findet auf dem Domplatz statt (r.).

Salzburg Der Regisseur und Schauspieler Sven-Eric Bechtolf (58) ist ein Multitalent. In seinem letzten Jahr als Interimsintendant der Salzburger Festspiele (22. Juli bis 31. August) leitet er nicht nur die Wiederaufnahme seiner Inszenierungen der drei Mozart/da Ponte-Opern, „Così fan tutte“, „Don Giovanni“ und „Le nozze di Figaro“. Er steht in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ selbst auf der Bühne – als Doktor. Im Herbst nimmt dann der Pianist und Kulturmanager Markus Hinterhäuser das Zepter in die Hand bei einem der bedeutendsten und traditionsreichsten Kulturfestivals im deutschsprachigen Raum. Ein Gespräch zum Abschied.

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Sven-Eric Bechtolf verabschiedet sich als Schauspieldirektor und Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele.

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Sie verabschieden sich nach dieser Saison von den Salzburger Festspielen. Worauf blicken Sie zurück?

Sven-Eric Bechtolf: Ich hatte noch keine Zeit zurückzublicken. Ich bin ohnedies kein besonders passionierter Zurückblicker.

Das Publikum war begeistert, Ihre drei Mozart-Inszenierungen stießen bei den Kritikern aber nicht auf ungeteilte Zustimmung. Was freut Sie mehr: Gute Kritiken oder ein zufriedenes Publikum?

Bechtolf: Ehrlicherweise muss gesagt werden, dass wir, vor allem international, sehr viel gute Presse hatten. Selbstverständlich möchte man beide gewinnen: Kritiker und Zuschauer – aber wenn ich denn wählen muss, entscheide ich mich fürs Publikum.

Muss ein Regisseur gegen das Publikum inszenieren, um bei Kritikern Erfolg zu haben?

Bechtolf: Keine Ahnung. Aber wenn er oder sie irgendetwas für die Kritiker tut, ist er oder sie keine Künstlerpersönlichkeit. Oder ziemlich abgefeimt. Die Arbeit gilt – in meiner Fantasie jedenfalls – immer einem zugewandten, aber letztlich abstrakten Wesen, mit dem ich in einer Geisterkorrespondenz stehe.

In letzter Zeit haben sich viele Sprechtheater und Opernhäuser politisch eindeutig positioniert, etwa gegen Pegida oder allgemein für die viel beschworene Willkommenskultur. Muss ein Theater nicht gerade in diesen politisch aufgeheizten Zeiten Stellung nehmen?

Bechtolf: Ich beobachte mit Schrecken, dass die politischen Lager sich links und rechts radikalisieren und die sogenannte Mitte erodiert. Unduldsamkeit und Anmaßung bestimmen den sehr emotionalen Ton. Mir scheint, als ob die Gesellschaft inzwischen aus lauter Paralleluniversen besteht, die sich nichts mehr zu sagen haben. Das könnte letztlich zu einer undemokratischen Entwicklung führen. Wir müssen wieder lernen, einander zu respektieren und auszuhalten. Auch mir fällt das zusehends schwerer.

Und die Rolle des Theaters?

Bechtolf: Ich denke, dass dem Theater Moderation ansteht und nicht Beihilfe zur Eskalation, indem es die Vorläufigkeit, Zerbrechlichkeit und Bedürftigkeit unser aller Einsichten, Ansichten, ja, unserer ganzen Existenz mitfühlend aufzeigt. Das Theater, die Kunst versteht es ja gelegentlich, uns mit unserem unhaltbaren Leben zu versöhnen.

Der Münchner Kammerspiel-Intendant Matthias Lilienthal spricht im Zusammenhang mit Tschechows „Kirschgarten“ von unpolitischer „Kunstkacke“. Ist die Frage berechtigt, was uns Klassiker heute noch sagen können?

Bechtolf: Nun ist gerade der „Kirschgarten“ auch ein sehr „politisches Stück“ – wird aber möglicherweise von Lilienthal als konterrevolutionär begriffen. Aber lassen wir das. Ich habe keine Lust, gegen solche Äußerungen anzureden. Mich erfüllt dieser ganze grobe Quatsch zu sehr mit Traurigkeit, und was immer ich sagen möchte, wird mir im Mund zu Staub.

Kann Theater überhaupt die Welt zu einem besseren Ort machen?

Bechtolf: Ich war vor einiger Zeit in einer Aufführung, in der ein junger Schauspieler, vermutlich auf Geheiß des Regisseurs, extemporierte und fortwährend schrie: „Die Dinge müssen sich ändern!“

Er drohte mit endloser Wiederholung, falls das Publikum nicht mitbrülle. Als praktischer Mensch hätte ich gerne heraufgerufen: Welche Veränderung und bis wann? Ich blieb aber kollegial und schweigsam. Mitgerufen hat übrigens niemand: Er war offensichtlich zu ungefähr.

Klingt sehr abgeklärt...

Bechtolf: Auch die performative Dokumentation zur Verstaatlichung der Privatbank Schneider & Schmidt wird die Welt nicht ändern. Ein Theaterstück wie der „Kirschgarten“ aber hat die Welt, meine jedenfalls, gewiss verändert. Zum Guten.

Was planen Sie nach Salzburg? Werden Sie wieder eine Leitungsposition übernehmen?

Bechtolf: Ich glaube nicht. Es gibt so viele andere Sachen, die ich machen möchte.

Die Höhepunkte

Mozart/da Ponte: In diesem Jahr gibt es die seltene Gelegenheit, alle drei Meisteropern, die Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit dem kongenialen Librettisten Lorenzo da Ponte geschrieben hat, am Stück zu sehen. Regisseur der drei Wiederaufnahmen ist Sven-Eric Bechtolf. Es gibt drei Dirigenten: Ottavio Dantone leitet „Così fan tutte“, Alain Altinoglu dirigiert „Don Giovanni“, und Dan Ettinger steht bei „Le nozze di Figaro“ am Pult.

Zeitgenössisches: Freunde zeitgenössischer Musik kommen bei der Premiere von Thomas Adès Oper „The Exterminating Angel“ auf ihre Kosten. Weitere Werke des englischen Komponisten (geboren 1971) bietet die Reihe „Salzburg Contemporary“.

Thomas Bernhard: Bei seiner Uraufführung vor 44 Jahren war Bernhards Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ Anlass für den „Notlicht-Skandal“: Da sich die Festspiele weigerten, am Ende die von Bernhard vorgesehene Finsternis eintreten zu lassen und auch das Notlicht auszuschalten, kam es zu keiner weiteren Aufführung. Dieses Jahr steht das skurrile Stück wieder auf dem Spielplan.

Interview: Georg Etscheit

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