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Kultur im Norden „Thomas Mann schaute mir über die Schulter“
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18:28 09.11.2013
Die andere Seite des Literaturnobelpreisträgers: „Königsallee“ handelt von den homoerotischen Neigungen Thomas Manns. Quelle: ullstein bild
Lübeck

Lübecker Nachrichten: Was hat Sie dazu bewogen, einen Roman über Thomas Mann zu schreiben?

Hans Pleschinski: Bei der Lektüre von Manns Tagebüchern bin ich auf die Gestalt von Klaus Heuser gestoßen, der große Bedeutung im Werk von Thomas Mann hat, zum Beispiel als Vorbild für Joseph in Ägypten und teilweise auch für Felix Krull. Ich habe mich gefragt, wo diese weltliterarisch wichtige Gestalt geblieben ist. Dann habe ich begonnen, im Raum Düsseldorf, woher Heuser stammt, zu recherchieren. Seine Nichte hat mir seinen Nachlass überlassen, der voller Entdeckungen steckte. So geht daraus hervor, wie eng und andauernd die Verbindung zwischen Thomas Mann und Klaus Heuser war.

Seitdem stand für mich keine Sekunde lang außer Frage, dass ich daraus einen möglichst dokumentarischen Roman gestalten würde.

LN: Sie verwenden viele Originalzitate. Woran können Leserinnen und Leser erkennen, was dokumentarisch und was imaginiert ist?

Pleschinski: Das halte ich für unwichtig. Es handelt sich um einen Roman und nicht um ein Sachbuch. Vielleicht liegt sogar ein Reiz darin, dass man sich in einem magischen Raum zwischen Imagination und Wirklichkeit befindet.

LN: Welche Bedeutung hat Thomas Mann für Sie?

Pleschinski: Eine hochbedeutende. Er ist neben Adolf Hitler weltweit der wahrscheinlich berühmteste Deutsche des 20. Jahrhunderts. Mit großem Genuss habe ich seine Romane und Erzählungen gelesen.

Daneben bleibt aber auch seine zivilgesellschaftliche Botschaft von großer Bedeutung, sein Plädoyer für eine freiheitliche Gesellschaft, die auch mir ein Anliegen ist. Ich hoffe, dass ich ihn und seine Botschaften durch meinen Roman neuerlich verlebendigen kann.

LN: Dass Sie ein Thomas-Mann- Kenner sind, wird in Ihrem Roman deutlich durch die vielen Zitate oder auch die Struktur, die Manns Roman „Lotte in Weimar“ folgt. Müssen Leser ebenfalls Thomas-Mann-Experten sein?

Pleschinski: Überhaupt nicht. Ich denke, dass die Geschichte aus sich herausfließt. Ob man erkennt, welcher Passus von Thomas, Erika oder Golo Mann stammt, ist nebensächlich, nur vielleicht eine zusätziche Freude. Tausende von Menschen haben das Buch bereits gelesen, ohne Thomas-Mann-Spezialisten zu sein. Es hat sich zu einem Bestseller entwickelt und ist schon in der sechsten Auflage erschienen. „Königsallee“ ist eine hoffentlich lebendige Erzählung — und in erster Linie ein Liebesroman.

LN: Über eine unerfüllte Liebe!

Pleschinski: Das ist schwer zu sagen. Bei der Liebe zwischen Thomas Mann und Klaus Heuser geht es nicht um unsere modernen sexuell überspannten Vorstellungen. Es geht um Sehnsüchte, Traumbilder.

Ein Kuss hatte damals eine viel gewaltigere Bedeutung als heute. Diese Liebe hat Erfüllung gefunden, indem Thomas Mann sie in Bücher umsetzte, die Weltliteratur geworden sind. Es ist eine Liebe für seine Leser geworden.

LN: Hat die Begegnung zwischen Thomas Mann und Klaus Heuser 1954 eigentlich stattgefunden?

Pleschinski: Das Treffen war geplant, die beiden standen in Briefkontakt. Ich möchte mit einem Satz Goethes antworten: „Immer will man die Wahrheit und die Wirklichkeit wissen, was die Poesie zerstört.“

LN: Wie hätte Thomas Mann wohl zu Ihrem Roman gestanden?

Pleschinski: Das ist eine wichtige Frage. Beim Schreiben hatte ich durchgängig das Gefühl, dass er mir mit einem Lächeln über die Schulter schaut und durchaus Gefallen daran fände, dass man sich alle herzliche Mühe gibt, ihn wieder wachzurufen.

LN: Ihr neuer Roman spielt zwar in Düsseldorf, aber Lübeck kommt auch darin vor.

Pleschinski: Oh ja.

LN: Thomas Mann bekommt Besuch von der Trave. Die Journalistin Kückebein, eine rothaarige Zwergin, interviewt ihn.

Pleschinski: Das Kapitel über die Feuilletonistin der „Lübecker Nachrichten“ halten viele für das beste. Thomas Mann wird von Fräulein Kückebein, die ja beinahe eine Thomas-Mann-Figur ist, hart abgeklopft auf die Bedeutung seines Werkes. Schon ganz am Anfang schwebte mir vor, dass diese Frau, die Thomas Mann zur Rede stellt, aus Lübeck, aus seiner Ecke kommt. Der Schluss dieses Kapitels hat mich, Pardon, selbst zu Tränen gerührt. Manchmal wird man eben von der eigenen Erfindung überwältigt.

Begegnung in Düsseldorf
In „Königsallee“, dem Roman von Hans Pleschinski, treffen sich Thomas Mann und Klaus Heuser 1954 nach vielen Jahren zufällig in Düsseldorf wieder. Der Dichter und der seinerzeit 17-jährige Sohn der Düsseldorfer Kunstakademie hatten sich 1927 auf Sylt kennen- und liebengelernt. Nun wird dem Literaturnobelpreisträger im Breidenbacher Hof in der Düsseldorfer Königsallee ein großer Empfang bereitet. Im selben Hotel ist auch Klaus Heuser, der nun in Asien lebt, mit seinem Freund Anwar abgestiegen.

Lesung: Am kommenden Dienstag stellt Hans Pleschinski um 19.30 Uhr in der Lübecker Buchhandlung Hugendubel seinen Roman vor.

Interview: Liliane Jolitz

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