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Tochter, Mutter und Großmutter Gynt

Hamburg Tochter, Mutter und Großmutter Gynt

Ibsens Held wird in Schauspielhaus Hamburg von Angela Winkler, Maria Schrader und Gala Othero Winter gespielt.

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Irgendwo in Afrika: Gynt II (Maria Schrader), im Import-Export tätig, trifft auf ihren Vater (Ernst Stötzner).

Quelle: Markus Scholz/dpa

Hamburg. Ein einsamer Parkplatz bei Nacht, schwach beleuchtet von drei hohen Straßenlaternen. Ein Mädchen im weißen Brautkleid. Ein einziges Auto. Aus ihm purzelt eine Schar knallbunt gekleideter Clowns heraus, um eine Art Hexensabbat aufzuführen. Traum und Wirklichkeit verschmelzen. Es ist ein Ausschnitt aus Simon Stones Inszenierung des „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen am Deutschen Schauspielhaus. Und es ist eine der wenigen Szenen, die den widerspruchsvollen Geist jenes Rätselstücks atmen, in dem der Titelheld, ein genialer Geschichtenerfinder und skrupelloser Lügenbold, ein Hochstapler und Weiberheld, die halbe Welt bereist, um sich selbst zu finden — bis er am Ende einer langen Odyssee in seine norwegische Heimat zurückkehrt zum Sterben.

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Ibsens Held wird in Schauspielhaus Hamburg von Angela Winkler, Maria Schrader und Gala Othero Winter gespielt.

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Sonst ist der hochgelobte junge Regisseur meistens weit weg von Ibsen. Er hat dessen Werk „überschrieben“, wie es im Dramaturgen-Jargon heißt. Entstanden ist so ein neues Stück, in dem nur noch Spurenelemente des Originals auffindbar sind. Radikalster Eingriff: Peer Gynt ist weiblich und zersplittert in drei Figuren, die aus drei aufeinander folgenden Generationen stammen. Stone stellt eine im Grunde spannende Frage — und beantwortet sie nicht. Er fragt, was passiert, wenn Frauen sich dieselbe Freiheit nehmen, die Peer Gynt sich genommen hat. Die Freiheit, alles zurückzulassen, Mann, Kind, Freunde, Heimat. Finden Frauen dann zu einem selbstbestimmten Leben? Man erfährt kaum etwas darüber. Die Aufführung zeigt das letztliche Scheitern der weiblichen Ausbruchs- und Aufbruchsversuche so, als sei es ein Naturgesetz. Zwangsläufiges Schicksal, vererbt von Großmutter auf Mutter und Tochter. Tiefer bohrende Analysen? Fehlanzeige!

In so einer Situation sind die Schauspieler gefordert, und die schlagen sich bravourös. Die legendäre Angela Winkler tritt als älteste Gynt-Mutation auf. Die in der Ferne erfolgreiche Geschäftsfrau steht nun nach Jahrzehnten der Abwesenheit, angetan mit einem altmodischen Trenchcoat und eine Handtasche fast züchtig vor den Körper haltend, vor dem Haus, in dem sie einst wohnte (Bühnenbildner Bob Cousins deutet es mit Neonröhren an). Dort trifft sie auf ihren Mann (Ernst Stötzner), den sie verlassen hat, und diese Begegnung ist der bewegendste Moment des Abends. Keine anklagenden Fragen, kein Herumstochern in der Vergangenheit. Stattdessen verzeihende Altersmilde und leise Trauer. Und am Ende legt er seinen Kopf in ihren Schoß, so wie es Peer Gynt bei Solveig tut. Ein schönes Zitat nun doch.

Gynt Nummer zwei verkörpert, kaum weniger eindrucksvoll, Maria Schrader. Sie, als Karrierefrau im schwarzen Hosenanzug im Bereich Import-Export tätig, hat ihren ersten Auftritt vor der eher schäbigen Strandbar „Oasis“ irgendwo in Afrika. Ein Betrunkener grölt anzüglich „You are always in my mind“, eine Reporterin sondert zynische Kommentare ab, Schrader- Gynts ebenfalls nicht mehr nüchterner Freund (Christoph Luser) fasst ihr in die Bluse. Ein emanzipatorisch gelungenes Leben sieht anders aus. Später werden sie und ihr einst im Stich gelassener Mann (Paul Herwig) umschlungen in die bürgerliche Normalität abdriften.

Aber die Tochter der beiden, Gynt-Variante III (stark: Gala Othero Winter), setzt die schicksalshafte Familientradition fort. Sie, die an einer nicht näher erläuterten psychischen Störung leidet, sich als jugendliche Rebellin ein Motorrad klaut und für längere Zeit im Wald verschwindet, scheint zunächst ein Glück zu finden mit gutwilligem Mann und neugeborenem Kind. Aber man weiß ja, es wird anders kommen. Gerade noch Teil der Familienidylle, erstarrt die junge Frau wie vom Blitz getroffen. Dann geht sie weg, um Sekunden später mit einem Rollkoffer quer über die Bühne zu schreiten und in eine ungewisse Zukunft zu verschwinden. Nächster Versuch der Selbstverwirklichung.

Weitere Vorstellungen: 27. März, 2. und 13. April. Karten: 040 / 24 87 13

Peer, der Lügner, reist um die Welt

„Peer Gynt“, das Drama in Versform aus dem Jahr 1867, ist der populärste Theatertext des Norwegers Henrik Ibsen (1828-1906).

Der Titelheld, Bauernsohn Peer Gynt, versucht mit Lügengeschichten seiner Armut zu entfliehen. In Peers Fantasie ist das Gehöft, in dem er mit seiner Mutter Aase lebt, ein Palast.

Von seiner Mutter wird Peer glorifiziert. Auf der Suche nach Liebe und Abenteuer findet er sich bald in einer Welt von Trollen und Dämonen wieder. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen, und verliebt sich in Solvejg. Nach einer Reise durch die ganze Welt, zwischenzeitlichem Reichtum und einem Aufenthalt im Irrenhaus kehrt Peer so arm wie zuvor heim. Solvejg hat ein Leben lang auf ihn gewartet und rettet ihn.

Von Hermann Hofer

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