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Tod eines Sinnsuchers

Lübeck Tod eines Sinnsuchers

Songs über Sex, Liebe und Religion: Leonard Cohen ist mit 82 Jahren gestorben.

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„Poesie ist ein Urteil, keine Beschäftigung“: Leonard Cohen.

Quelle: Yoan Valat/dpa

Lübeck. Lübeck. Vor fast 25 Jahren hat John Cale ein Live-Album aufgenommen, „Fragments Of A Rainy Season“ hieß es. Es erscheint jetzt wieder, und darauf ist auch „Hallelujah“ von Leonard Cohen zu hören. Cale war eines Abends im New Yorker „Beacon Ballroom“ in ein Konzert von Cohen geraten und hingerissen von dem Song. Er bat ihn um den Text, Cohen faxte ihm 15 Seiten, aber Cale hatte keinen Platz für 15 Seiten. Er nahm hier ein paar Zeilen und dort ein paar andere und machte daraus eine eigene Version. Heute gehört „Hallelujah“ längst zu den Eckpfeilern seiner Konzerte.

John Cale hatte vorher bei Velvet Underground gespielt, diesen vier nervösen Leuten um Lou Reed, die den Rock’n’Roll um seine schattigen Seiten erweiterten. Zwischen feine Melodien legten sie ihren „White Noise“, den weißen Lärm, als würde der Sandmann Reißnägel streuen, und Cale war mit seiner schabenden Viola maßgeblich daran beteiligt. Es war Musik, zu der man um Mitternacht Sonnenbrillen trug. Leonard Cohen aber war jemand, vor dem die Raserei haltmachte.

So ging es vielen. Der Mann aus Montreal, Kanada, zog durch die Popwelt wie ein weißer Elefant. Er war ein Solitär, geachtet, bewundert, verehrt. Es war kein Zufall, dass eine Tribute-Platte vom Beginn der Neunzigerjahre „I’m Your Fan“ betitelt war, mit John Cales Version von „Hallelujah“ im Übrigen. Jetzt ist Leonard Cohen in der Nacht zu gestern gestorben. Er wurde 82 Jahre alt.

David Bowies letztes Album war zwei Tage vor seinem Krebstod Anfang des Jahres erschienen. Leonard Cohen hatte „You Want It Darker“ Ende Oktober veröffentlicht. Und wie bei Bowie waren auch bei ihm Botschaften zu hören, die nicht gut klangen. „Hineni, hineni“, hatte er da auf Hebräisch gesungen, hier bin ich, hieß das; dann folgte: „I’m ready, my Lord.“ Er war bereit, und es sollte nicht mehr lange dauern.

Einen „Abraham des Rock“ hat ihn die „Jüdische Allgemeine“ genannt. Das lag an seinem Alter, aber das lag auch an seinem Ringen um die Worte, um Erlösung und mit der Religion. Er ließ sich Zeit bei seiner Arbeit, in fast fünf Jahrzehnten sind nur ein gutes Dutzend Studioalben von ihm erschienen. Die letzten drei allerdings kamen in rascher Folge. Vielleicht hatte er gespürt, dass ihm die Zeit durch die Finger rann. Vielleicht hatte er das alles kommen sehen.

Aber im Grunde war er ja gar kein Musiker. Er hatte als Autor begonnen, der Mann aus jüdischem Haus, dessen Bruder zum obersten Rabbiner Kanadas wurde und der später selbst zum Buddhismus finden sollte. Er schrieb Gedichte, setzte sich an einen Roman und gewann mit 21 Jahren seinen ersten Literaturpreis. „Sprich die Wörter mit der gleichen Präzision aus, mit der du eine Wäscheliste prüfen würdest“, hielt er fest. Und: „Poesie ist ein Urteil, keine Beschäftigung.“

Es war vor allem die Poesie in seinen Songs, die sie in den Kanon der populären Musik des vergangenen Jahrhunderts Eingang finden ließ. Er sang über Frauen wie „Suzanne“, die einen mitnimmt runter zum Fluss, die einem Tee und Orangen gibt und auch sonst alles, von dem man bisher nicht wusste, dass man es braucht. Er sang über Vögel auf den Überlandleitungen, über blaue Regenmäntel, die an der Schulter zerrissen waren, über die „Sisters of Mercy“, ein Song, den er in nur einer Nacht geschrieben hatte. Und er sang über „Marianne“, eine Norwegerin, mit der er in den Sechzigerjahren auf der griechischen Insel Hydra gelebt hatte und die im Juli gestorben ist, ein gutes Vierteljahr vor ihm. „Ich denke, ich werde dir bald nachfolgen“, hatte er ihr kurz vor ihrem Tod geschrieben. Sie brauche nur ihre Hand auszustrecken, um seine zu erreichen.

„Suzanne“ sang Leonard Cohen zum ersten Mal im April 1967 in New York. Er begann, brach mitten in der ersten Strophe ab und ging von der Bühne. Er war mehr als nervös. Aber er kam zurück und brachte den Song zu Ende. Er wohnte im Chelsea Hotel zu der Zeit, ein Auffangbecken für junge Leute, die Bob Dylan hießen oder Janis Joplin und gedachten, die Popwelt ein wenig umzuprogrammieren. Es war die Zeit, als aus dem Dichter der Musiker Leonard Cohen wurde, der seine Sinnsuche jetzt vor allem mit der Gitarre begleitete und nicht mehr zwischen zwei Buchdeckel drucken ließ.

Es ging um Tod und Sex in seinen Liedern, um Liebe, Rausch, Depression und vieles andere, was Angst bedeuten kann oder Erfüllung. „Komponieren“, sagte er einmal, „hat etwas von Stöbern, von Pflügen, vom Auskratzen des Bodensatzes. Es hat keine Würde. Es ist eine extrem armselige Arbeit.“

Er jedenfalls hat tief gepflügt auf diesem Acker, auf dem so viele kaum die Oberfläche anrühren. Er ist hinabgestiegen in all das Strahlende und die Düsternis menschlicher Existenz. Ein Zen-Mönch mit Namen Jikan, was „Stille“ bedeutet, der wieder zurückkommen musste in die Popwelt, weil seine Managerin ihn um Millionen Dollar für seine Alterssicherung betrogen hatte. Jetzt ist er gestorben. Er war da, und er war bereit.

Der Frauenheld, der keiner war

Leonard Cohen hielt sein Privatleben geschützt. Er hatte mit der schwedischen Malerin Suzanne Elrod zwei Kinder und war vorübergehend mit der Schauspielerin Rebecca De Mornay liiert. „Mein Ruf als Frauenheld ist ein Witz“, sagte er einmal in einem Interview. „Er hat mich dazu gebracht, mich bitter durch die zehntausend Nächte zu lachen, in denen ich alleine war.“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte Cohen einen „Fixstern am Popfirmament“. Nach David Bowie und Prince sei „erneut einer der ganz Großen der Musik von uns gegangen“.

Peter Intelmann

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