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Kultur im Norden Tolstois Werk als schrille Radio-Revue
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12:12 14.11.2017
Hamburg

Die berühmte Ballszene, in der die Titelfigur dem Grafen Wronski verfällt, nimmt in Tolstois Buch drei Kapitel ein. In „Anna Karenina – allerdings mit anderem Text und anderer Melodie“ ist es ein schneller Tanz, bei dem Anna (Ute Hannig) dem Draufgänger mit Blicken und Gesten verfällt. Zu „Fresh“ (im Original von Kool & the Gang) im weißgoldenen Glitteranzug versprüht Wronski (Yorck Dippe) eine Überdosis Sex-Appeal und sät den Keim für den Seitensprung, der auch an diesem flotten Theaterabend in ein so erschütterndes Ende mündet. Tolstois berühmter erster Satz („Jede glückliche Familie . . .“) ertönt mit der Schallplattenstimme von Vorleserlegende Gert Westphal – und wird in Sinn und Satzbau verquirlt. Die Rennszene brüllt ein Sportreporter als Live-Schalte ins Mikrofon. Willkommen bei Radio Karenina.

Wie schon mit „Effi Briest“ und „Madame Bovary“ (das leider nur in Hannover zu sehen war) landen Clemens Sienknecht und sein Team auch mit dem letzten Teil der „berühmten Seitensprünge der Weltliteratur“ einen Volltreffer. Schlüsselelemente des Romans werden in einem ramschigen Rundfunkstudio nachgespielt, im Zeitraffer erzählt, gesungen und persifliert. Vor allem musikalisch: Mit mehr als 20 Instrumenten und ihren Stimmen geben die sieben Darsteller gut und gern 40 Stücke zum Besten, vom mehrstimmigen Bachchoral bis zu Queens „Don’t stop me now“: Hinreißend, wie Michael Wittenborn (als gehörnter Gatte Karenin) mit Fellmütze und Segelohren sein faltiges Gesicht bei der Zeile „I’m a sex machine, ready to reload“ erzittern lässt.

Das Kochrezept von Sienknecht und seiner Ehefrau Barbara Bürk und Ko-Regisseurin ist das Gleiche wie bei dem preisgekrönten „Effi-Briest“-Stück: In hohem Tempo werden Versatzstücke eines Weltromans zu einer Radio- Show montiert, ansteckend albern zuweilen, aber ohne die literarische Vorlage zu verhöhnen. Das ist jetzt beim Finale der Trilogie zwar nicht mehr so innovativ. Dennoch macht dieser Theaterabend großen Spaß und bringt auf leicht verdauliche Weise den Stoff von Tolstois Klassiker nahe.

Das Publikum im Malersaal bejubelt fünf Minuten lang die pralle, präzise Darbietung. Wer das Stück sehen will, muss den Spielplan sichten: Die nächsten Vorstellungen (16. November, 18. und 19.

Dezember) sind längst ausverkauft.

 L. Fetkã¶ter

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