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Ton Steine Scherben

Ton Steine Scherben

Jan Kollwitz stellt in Cismar japanische Keramik her. Sie hat ihre Wurzeln in jahrhundertealter Tradition. Jetzt lädt er in sein Atelier.

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Kammerspiel: Jan Kollwitz mit einem seiner Gefäße in der Brennkammer des Anagama-Ofens.

Quelle: Fotos: Felix König

Cismar. Jan Kollwitz sagt einen Moment gar nichts, dann seufzt er freundlich. Spätestens dann ahnt man, dass das die falsche Frage war. „Nein“, sagt er, „diese Unterscheidung macht man in Japan nicht.“ Es gehe nicht um Kunst oder Kunsthandwerk. Das Wesen japanischer Keramik spiele sich jenseits davon ab. Und dann hebt er an zu einer Erklärung.

Jan Kollwitz ist Keramiker in Cismar, im alten Pastorat nahe dem Benediktinerkloster. Er arbeitet hier seit fast 30 Jahren. Und wenn er sich einmal im Jahr wie beim Öffnen einer Grabkammer vorkommt, dann hat das mit dem Ofen zu tun, der hinter dem Haus im Schatten einer mächtigen Schwarznuss steht. Einmal im Jahr wird er befeuert, vier Tage und vier Nächte lang. Und einmal im Jahr öffnet der Urenkel von Käthe Kollwitz dann die Tür und sieht, was das Feuer mit seinen Schalen, Töpfen und Vasen gemacht hat.

Der Ofen ist ein Anagama-Ofen. Tatsuo Watanabe hat ihn 1988 gebaut, ein japanischer Meister. Ana heißt im Japanischen Höhle, Gama Ofen, ein Höhlenofen also. Und zwar einer, bei dem die Gefäße im Feuer stehen. In europäischen Brennöfen wurde schon früh eine Mauer zwischen den Flammen und den Objekten gezogen. Sie bekamen so keine Asche ab, allenfalls etwas Rauch. „Das Abendland wollte ordentliche Keramik“, sagt Kollwitz. In seinem Ofen aber geschieht alles in einer Kammer. Asche wirbelt auf, wird bei über 1300 Grad flüssig und hinterlässt Spuren auf dem Ton. Rauch legt sich auf die Oberflächen, nach denen auch die Flammen greifen. Die Objekte erzählen eine Geschichte des Brennens, des Prozesses. Es sind gewollte Narben und Färbungen, eingeschrieben für immer.

Jan Kollwitz hat eine Weile gebraucht, bis er zum Töpfern fand. Er war mit 13 schon in einem Grimmepreis-Fernsehspiel zu sehen und hat Filme gedreht, einen pro Jahr. Nach dem Abitur war er auf der Schauspielschule in Berlin, Praktikant bei einem Kunsttischler in Toronto und schließlich drei Jahre Töpferlehrling bei Horst Kerstan im Schwarzwald.

Kerstan hat ihn auch mit Japan bekannt gemacht, mit japanischer Keramik und japanischer Denkungsart. Deshalb hat er Japanisch gelernt und ist nach seiner Lehre ins Kaiserreich gefahren, 14 Tage mit der Sibirischen Eisenbahn. Und hat dort in Echizen in einer erstaunlichen Mischung aus Zuversicht, Naivität, Beharrlichkeit, Zufall und Glück mit Yukata Nakamura einen zunächst widerwilligen Meister gefunden, bei dem er zwei weitere Jahre lernen konnte.

Jan Kollwitz’ Arbeiten sind keine fein ziselierte Keramik, keine zarten Objekte mit Neigung zur Sprunghaftigkeit. Es sind raue Gefäße, dickwandig und von Gewicht. Aber sie stehen in einer alten Tradition. Sie bewegen sich in Mustern, die im Japan des 16. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Als in Europa mit der Reformation eine andere Zeit anbrach, gab es auch in Japan eine Erneuerungsbewegung. Sie schöpfte aus dem Konfuzianismus und Shintoismus, aus dem Zen. Und in der Tee-Zeremonie, einer Abfolge von 63 definierten Schritten, fand sie einen prägnanten Ausdruck.

Es geht um Kontemplation bei dieser Zeremonie, um Ruhe und innere Einkehr. Praktiziert haben sie zuerst die Samurai. Die Keramik ist also Kriegerkeramik. Sie half, sich auf sich selbst zu besinnen und auf den Kampf. Die Gefäße sollen etwas mit einem anstellen und Kraft geben. „Man soll das Gefühl haben, dass das Stück zwar durchs Feuer gegangen ist, aber in seiner Mitte ruht“, sagt Kollwitz.

Es gehe um „Atmosphäre“, habe sein japanischer Meister gesagt. Zehn Jahre später in Cismar habe er auch verstanden, was er damit wohl meinte.

Es steht viel Holz um das alte Pastorat, mannshohe Wände aus gespaltener Buche und Kiefer. Etwa 20 Kubikmeter frisst der Ofen, wenn er einmal im Jahr befeuert wird. Das Wort vom Füttern eines Drachen kommt nicht von ungefähr. 20 bis 30 Prozent des Brandes sind Ausschuss, die erhaltenen Stücke werden zu Preisen zwischen 40 und 2500 Euro verkauft.

Das geschieht im Cismarer Atelier. Kollwitz hat aber auch einen Galeristen in Boston, bei dem er regelmäßig ausstellt. Arbeiten von ihm stehen im British Museum in London und im Israel Museum in Jerusalem, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wie im Art Institute of Chicago. Und alle zwei Jahre macht er eine Werkstattausstellung bei sich im alten Pastorat. Von Freitag bis Sonntag ist es jetzt wieder soweit, Besucher sind herzlich willkommen.

Urenkel von Käthe Kollwitz

Jan Kollwitz (56) stammt aus einer Medizinerfamilie, seine Urgroßmutter aber ist die Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz. Zur Keramik ist er über die Arbeiten Jan Bontjes van Beeks gekommen, mit dessen Witwe seine Mutter befreundet war.

Seinen Ton bezieht Jan Kollwitz aus einer Grube im Westerwald. Alle paar Jahre kommt ein Lastwagen und bringt ein paar Tonnen vorbei. Er arbeitet mit sechs, sieben verschiedenen Mischungen, die er aus dem Rohmaterial selbst herstellt. Beim 96 Stunden dauernden Befeuern des Ofens wird er von Bengt-Olaf Weichsel unterstützt, einem befreundeten Architekten aus Bochum. Kollwitz war u. a. Stipendiat der Villa Massimo (Rom) und hat 2011 den Kulturpreis Ostholstein erhalten.

Die Werkstatt-Ausstellung im alten Pastorat in Cismar (Bäderstraße 23) ist am Freitag (2. September) von 14 bis 19 Uhr geöffnet, am Sonnabend und Sonntag (3. und 4. September) jeweils von 11 bis 19 Uhr.

Peter Intelmann

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