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„Tosca“ in Zeiten des Krieges

Lübeck „Tosca“ in Zeiten des Krieges

Mord, Folter, Brutalität: Puccinis Oper in der Regie von Tilman Knabe hat in Lübeck Premiere.

Setzt den Maler Cavaradossi (Zurab Zurabishvili) brutal unter Druck: Polizeichef Scarpia (Gerard Quinn, Mitte). 

Quelle: JochenQuast

Lübeck. Regisseur Tilman Knabe hat eine besondere Beziehung zu Lübeck und dem Theater in der Beckergrube. Sein Großvater war mehr als 30 Jahre lang Konzertmeister des Städtischen Orchesters, Tilman Knabes Vater wurde in Lübeck geboren. Als sein Vater vor einigen Jahren starb, wandte sich Knabe an das Theater, um hier zu inszenieren – für ihn ein Teil der Trauerarbeit nach dem Verlust des Vaters. Man einigte sich schließlich aufGiacomo Puccinis „Tosca“.

Der Komponist

Giacomo Puccini (1858 - 1924): Der italienische Komponist gilt als Vertreter des Verismo (Realismus) in der italienischen Oper. Dabei ging es um die Darstellung von sozialen und politischen Zeitproblemen. Hauptwerke: „La Bohème“, „Madame Butterfly“, „Tosca“.

Puccini-Opern hat Tilman Knabe häufig inszeniert, „Tosca“ aber noch nie. Diese Oper ist eine der meistgespielten auf deutschen Bühnen, in Lübeck war sie zuletzt 2012 in einer Inszenierung von Anthony Pilavachi zu sehen. Knabe stellte sich zuerst die Frage, wie man mit dem Naturalismus dieser Oper umgeht. Er will den Grundkonflikt verständlich machen, in dem die Sängerin Tosca und der Maler Cavaradossi letztlich zugrunde gehen.

Die römische Republik ist durch ein faschistisches Regime gestürzt worden. Für die beiden politischen Systeme stehen zwei Frauen: die liberale Marchesa Attavanti und die reaktionäre Königin von Neapel, die auch auf der Bühne zu sehen sein werden. Beide Frauen stattet der Regisseur mit eigenen Truppen aus, eine Frauengruppe auf Seiten der Attavanti, eine Truppe, die wie die kurdischen Peschmerga-Kämpferinnen wirken soll. Eine männliche Brigade dient der Königin, oberster Scherge ist Polizeichef Scarpia. Den bezeichnet Regisseur Knabe als „Perversen“, der seine höchste Lust daraus bezieht, seinen Opfern auch noch den letzten Rest von Würde zu nehmen und sie so zu entindividualisieren. Scarpia, so Knabe, ist aber zugleich auch ein Getriebener: Er steht unter großem Druck seiner Königin, da ihm der aufständische Angelotti, die Attavanti und andere Regimegegner entwischt sind.

Tosca sieht der Regisseur als Sängerin, die für jeden ihre Kunst ausübt, sie singt eben auch für das totalitäre Regime. Sie ist aber auch starken Stimmungsschwankungen unterworfen, die Puccini auch in Musik umgesetzt hat. Immer wieder überfallen Tosca, die im Waisenhaus und später in kirchlichen Einrichtungen erzogen wurde, Verlassensängste. Sie hat ein schlimmes Leben hinter sich – auch das wird Thema der Inszenierung sein.

Cavaradossi ist für Knabe ein Maler der zweiten oder dritten Garnitur, der in einer Kirche ein Bild restauriert. Cavaradossi stammt aus einer wohlhabenden Familie, ist ein Frauenheld und kann sich alles leisten, was er will.

Das sind ungewöhnliche Sichtweisen auf diese Oper, die für Tilman Knabe schon allein deshalb von großer Bedeutung ist, weil es vor „Tosca“ kein Stück von dieser Brutalität im Musiktheater gab – für die Zeit der Uraufführung im Jahr 1900 sei das unglaublich mutig gewesen. In „Tosca“ wird gemordet, gefoltert und standrechtlich erschossen, eine Vergewaltigung wird im letzten Moment durch eine Bluttat verhindert.

Genau diese Brutalität ist für Knabe einzigartig, und er will sie auch auf der Bühne zeigen, um, wie er sagt, das Mitleiden mit den Personen zu ermöglichen. Und als Regisseur habe er eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit.

Angesiedelt hat er die Oper in einer durch den Krieg verwüsteten und verunstalteten Gegend. Im ersten Akt in einer heruntergekommenen katholischen Kirche, im zweiten Akt in einem typischen Bürokraten-Büro, im dritten Akt auf dem Dach eines Hauses.

Assoziationen zum durch den jahrelangen Bürgerkrieg weitgehend zerstörten Syrien könne es durchaus geben.

Premiere: morgen um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters Lübeck.

 Jürgen Feldhoff

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