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Totentanz und Sängerfest

Kiel Totentanz und Sängerfest

Giacomo Puccinis „Turandot“ auf dem Rathausplatz von Kiel: Ein Sommeropern- Märchen frei von Kitsch.

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China auf dem Kieler Rathausplatz: Kirsi Tiihonen als männermordende Turandot in der Mitte ihres Hofstaats.

Quelle: Fotos: Olaf Struck

Kiel. So sind sie wohl, die fernöstlichen Diktaturen, wo die Angst die uniformen Reihen der Masse Mensch ordnet und die Liebe eines Individuums quer zu stehen scheint zu Gesetz und Tradition. Daniel Karasek, als Generalintendant in Kiel zur Freude des Volkes inzwischen ähnlich ewiggültig wie der Kaiser von China (sein Vertrag ist soeben um fünf Jahre bis 2025 verlängert worden), inszeniert Giacomo Puccinis letztes, unvollendet gebliebenes Werk von 1926 ganz als faszinierend opulentes asiatisches Märchen.

Im XXL-Format der Freilicht- Sommeroper bleibt seine sauber strukturierte Nacherzählung aber wohltuend frei von Kitsch. Denn Karasek zitiert Klischees aus Kampfkunst, Folklore und Terracotta-Armee-Historie nur fein dosiert. Und Kostümbildnerin Claudia Spielmann garantiert ein optisches Fest an fantasievoll zeitlos farbenreichen Gewändern, die in der blutrot gerahmten, aber ansonsten leuchtend weißen Tempelstadt von Bühnenbildner Norbert Ziermann und in der Lichtgestaltung von Burkhard Schmidt wirklich toll zur Geltung kommen.

Ein Coup ist die Einbeziehung von zwei Symbolfiguren: Ballettchef Yaroslav Ivanenko zieht in seiner Choreografie vor allem mit dem zuckenden Totentanz von Marina Kadyrkulova die Blicke an. Immer wieder taucht ihre Vanitas-Figur bedrohlich in den Szenen auf. Die Liebe (Alexey Irmatov) hat es da trotz akrobatischer Einlagen und (ausnahmsweise mal) männlicher Schönheit nicht leicht. Immerhin finden beide am Ende verschlungen zu einem Pas de Deux von Leben und Tod zusammen.

Die Instrumentalisten klingen ein wenig nach Grammofon

 

In den auf diese Weise aktivierten großen Tableaus werden Opern- und Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor mit stilisierter Gestik und geschicktem Gewoge ins Geschehen einbezogen.

Generalmusikdirektor Georg Fritzsch kann am ausgelagerten Pult auf diese von Lam Tran Dinh und Moritz Caffier einstudierten Kollektive an Sängerinnen und Sängern zählen (vom gefürchteten Mondchor bis zum Finale – alles bestens!) und gemeinsam mit den Philharmonikern oft einen großen emotionalen Tonstrom ohne Spannungsbrüche produzieren.

Da fällt dann auch nicht ins Gewicht, dass die Instrumentalisten, vor allem die Streicher, durch die Übertragung aus dem Zelt notgedrungen immer ein bisschen nach Grammofon klingen.

Dafür werden die Sängerstimmen sehr gut abgebildet und verstärkt. Und das lohnt sich, denn die Besetzung genügt hohen Ansprüchen. Kirsi Tiihonen ist in der extrem heiklen Titelpartie der männermordenden Unantastbaren eine finnische Bank. Von schneidender Schärfe der Hochdramatischen bis zum weichen Unterton der tief Verletztlichen steht ihrer Prinzessin Turandot vokal alles zur Verfügung. Als Eisbrecher Calaf hängt Dario Prola unbeirrt an ihr. Der italienische Tenor bringt ein reizvoll raues Timbre für den mutigen Brautwerber und intelligenten Rätsellöser ein, das in der wetterverwöhnten Premiere gegen Ende der ersten Hälfte kurzzeitig gefährdet scheint, dann aber im „Nessun dorma“-Schlagerakt zu neuer Strahlkraft findet.

Die markanteste Stimme: Bassbariton Sihao Hu als Ping

 

Während es Matteo Maria Ferretti als seinem Vater, dem entthronten Tartarenkönig Timur, ein wenig an Bass-Schwärze mangelt, ist Puccinis treuliebende Lieblingsfigur, die in den Selbstmord getriebene Sklavin Liù, mit Agnieszka Hauzer wunderbar stimmig besetzt. Weil sie nicht zuletzt ihre berühmte Abschiedsarie („Tu che di gel sei cinta“) bewegend intensiv fließen lässt, macht ihr beim Publikumsjubel allenfalls noch das Premierenfieber-Feuerwerk über Kiel Konkurrenz.

Ganz besonders reizvoll ist die Zusammenstellung von Kanzler, Hofmarschall und Küchenmeister. Dem chinesischen Gast, Bassbariton Sihao Hu vom Konservatorium Shanghai, attestiert man als Ping gern die markanteste Vokalleistung des Abends. Die Tenöre Michael Müller (Pang) und Fred Hoffmann (Pong) schmiegen sich an. Hinreißend lyrisch erträumen die drei sich beim gemeinsamen Beugelbuddelbier ein entspanntes Spießerdasein. Und mit komödiantischen Grüßen an die Peking- Oper verkünden sie Gruseliges und Verschlagenes. Politiker alter Schule halt, nicht nur in Fernost.

Weitere Aufführungen: bis 23. Juli, jeweils 20.30 Uhr, Rathausplatz Kiel. Restkarten: (0431) 901 901 oder www.theater-kiel.de

Geschichte von der grausamen Prinzessin

„Turandot“ ist die letzte Oper, an der Giacomo Puccini vor seinem Tod 1924 schrieb. Das Werk wurde vom Komponisten Franco Alfano posthum nach den Skizzen Puccinis vollendet.

Die Handlung: Turandot, Prinzessin aus dem gleichnamigen persischen Märchen, lässt verkünden, sie werde den ersten adligen Brautwerber heiraten, der ihre drei Rätsel löst. Wer versagt, wird geköpft. Kalaf, Sohn eines entthronten Tartarenkönigs, will es versuchen. Er ist anonym unterwegs im Reich des Kaisers von China, kann die Rätsel aber lösen. Kalaf bietet nun seinerseits der Prinzessin eine Rätselstunde an: Wenn es ihr gelänge, bis zum Morgen herauszufinden, wer er sei, müsse sie ihn nicht heiraten. Eine Sklavin, die den Namen des Prinzen nicht verraten will, wird noch in den Tod getrieben, bevor Kalaf und Turandot sich finden.

„Nessun dorma“ (Keiner schlafe) ist die berühmteste Tenorarie der Opernliteratur, sie hat den Weg in die Pop-Charts gefunden.

Die Uraufführung dirigierte Arturo Toscanini 1926 in der Mailänder Scala. Im dritten Aufzug legte er den Taktstock weg und sagte: „Hier endet das Werk des Meisters. Danach starb er.“ Erst bei der zweiten Vorstellung wurde der ergänzte Schluss gespielt.

Christian Strehk

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