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Traum einer Tellerwäscherin

Lübeck Traum einer Tellerwäscherin

Sie sind arm und entschlossen, ihr Glück zu finden: Vier Freundinnen wollen nach Montevideo. Dass sie nur eine vage Vorstellung davon haben, wo die Stadt überhaupt liegt („in Südamerika?“), mindert ihren Willen nicht in „Träum weiter“, dem Eröffnungsfilm der Nordischen Filmtage.

Lübeck. Hauptfigur ist Mirja, jung, energisch und stets so gekleidet, dass ihre Figur gut zur Geltung kommt. Mirja ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Mit einer Verneigung hat sie den Wärtern adieu gesagt. Draußen warten schon ihre kleine Schwester Isa sowie ihre drei Freundinnen auf sie. Auf der Heimfahrt im Auto kommt Montevideo zur Sprache. Sogar beim Masturbieren habe sie davon geträumt, erklärt Mirja. Bikiniteile, die mitsollen, machen die Runde – und werden für zu stofflastig erklärt. „Nicht einmal Italienerinnen tragen so etwas noch.“

„Träum weiter“ ist das Spielfilmdebüt von Rojda Sekersöz (Jahrgang 1989). Bei den Nordischen Filmtagen Lübeck feierte der Film gestern seine Deutschland-Premiere. In Schweden und auch in Norwegen war er schon zu sehen. Beim Filmfestival in Göteborg gewann der Film in diesem Jahr den Publikumspreis und den Kirchenpreis, eine weitere Auszeichnung wurde ihm beim Filmfestival im norwegischen Haugesund zuteil.

„Träum weiter“ ist bunt, lebendig, unterhaltsam. Keine Selbstverständlichkeit für einen Film, der zu einem großen Teil in dem Stockholmer Vorort Alby spielt, wo die Mehrheit der Bewohner einen sogenannten Migrationshintergrund hat und die Arbeitslosigkeit für schwedische Verhältnisse hoch ist. Mirja und ihre Freundinnen sind hier zu Hause. Rojda Sekersöz aber hat kein bedrückendes Sozialdrama gedreht.

Mirja und ihre Freundinnen – das sind vier junge Frauen, die nicht auf Rosen gebettet, aber trotzdem voller Lebensfreude sind. Sie fluchen, aber feiern auch gern. Arbeit haben zwei von ihnen nicht – das Geld für ihre Reise nach Montevideo wollen sie sich bei einem Überfall besorgen.

Für Mirja aber tut sich ein schwer zu lösender Konflikt auf. Sie erfährt, dass ihre kettenrauchende alleinerziehende Mutter, die sich wie auch die Wohnung zunehmend verwahrlosen lässt, an Lungenkrebs erkrankt ist. Kann sie in dieser Situation nach Montevideo abhauen und die Familie sich selbst überlassen?.

Um die Mutter und die kleine Schwester, die Supermodel werden will, durchzubringen, sucht Mirja einen Job. Sie wird Tellerwäscherin und steigt dank ihres Fleißes zum Hotel-Zimmermädchen auf.

Der Fortgang der Handlung ist vorhersehbar. Trotzdem folgt man ihr gern. Das liegt zu einem großen Teil an der Hauptfigur Mirja, die außen so hart ist, aber innen ganz weich. Hauptdarstellerin Evin Ahmad glänzt in dieser Rolle, die ihr wie auf den Leib geschrieben ist.

Rojda Sekersöz ist mit „Träum weiter“ ein Film gelungen, der hineinführt in ein sogenanntes Problemviertel. Sie schaut nicht herab auf das Leben der Menschen in Alby, sondern steckt mittendrin. Es gibt Probleme dort, aber das Leben der Bewohner besteht nicht ausschließlich daraus. Wie an allen Orten der Welt wird in Alby gelebt, gestritten, geholfen, geliebt – und geträumt.

Ob das Glück an anderen Orten zu greifen ist, damit befasst der Film sich nicht weiter. Sondern er bleibt beim Naheliegenden und dem, was auch in Alby zu finden ist: Freundschaft, Nähe, Verantwortung und das Glück, für andere da zu sein.

Von Liliane Jolitz

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