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Kultur im Norden Trautes Pfarrheim, nie allein
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20:27 30.10.2013
Auch Protestanten können protzen: Porträt des schwedischen Pfarrers und Gelehrten Gustav Hjortberg mit seiner Familie (um 1770). Quelle: Boel Ferm

Höhergelegte Toilettensitze und beleuchtete Bücherwände in einer millionenschweren Bischofsresidenz erregten soeben die Nation. Der vom Papst gerüffelte Limburger Oberhirte Franz-Peter Tebartz-van Elst — er wird höchstwahrscheinlich nie in seine maßgeschneiderte Designerwohnung im 31 Millionen Euro teuren Bischofssitz einziehen dürfen — ist zum Symbol für klerikale Maßlosigkeit geworden. Seine Kollegen in hohen katholischen Ämtern beteuern, nicht so protzig zu leben. Doch der Lebensstil des Klerus ist ins Visier der Öffentlichkeit geraten.

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Auch Protestanten können protzen: Porträt des schwedischen Pfarrers und Gelehrten Gustav Hjortberg mit seiner Familie (um 1770).

Da erscheint es als himmlische Fügung, dass das Deutsche Historische Museum Berlin eine Ausstellung zur Kulturgeschichte des Pfarrhauses zeigt. Zwar legt die Schau „Leben nach Luther“ mit mehr als 550 Ausstellungsstücken aus 500 Jahren das Hauptaugenmerk auf bescheidene evangelische Pfarrstuben. Seitenblicke gibt es aber auch zum katholischen Klerus.

Kurator Bodo-Michael Baumunk nennt Pfarrhäuser ein „Extremformat einer Lebensform“. Vor allem, seit die Pfarrerstochter Angela Merkel und der evangelisch-lutherischer Pastor Joachim Gauck politische Karriere gemacht hätten, sei ein regelrechter „Pfarrhaushype“ in der Geschichtswissenschaft zu bemerken. Auch Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ habe das Interesse neu geweckt. Allerdings sei hier die Darstellung des Pfarrhaushalts auf den „Eiseshauch einer rigiden Moral“ verengt.

Idylle und Rebellion

Pfarrhäuser gelten zum einen als Inbegriff von Idylle, moralischer Vorbildlichkeit und Gelehrsamkeit — und wurden oft romantisch überhöht. Anderseits erscheinen Pastorenhaushalte als brodelndes Soziotop, dem rebellische Denker (Friedrich Nietzsche) oder gar Terroristen (Gudrun Ensslin) entstammen. Nietzsche bezeichnete den Protestantismus als „halbseitige Lähmung“ des Christentums.

Gleich zu Beginn des Ausstellungsrundgangs sind einem rührenden Doppelporträt eines Pastors aus dem 17. Jahrhundert und seiner Ehefrau korrespondierende Ölgemälde eines katholischen Pfarrers und seiner hübschen Haushälterin mit Spitzenhäubchen und Schoßhündchen, Fräulein Mathot, gegenübergestellt. „Die Porträts erinnern an Ehebildnisse. Trotz des Gelübdes der Ehelosigkeit lebten Pfarrer und Haushälterin nicht selten in eheähnlichen Verhältnissen“, informiert ein Schild.

Im nächsten Raum stehen schwarze Talare evangelischer Pfarrer einem überladenen katholischen Messgewand aus Gold besticktem Brokat gegenüber. Die weiteren Räume zeigen aber, dass auch Pastoren in der Vergangenheit Luxus und edlen Stil zu schätzen wussten. Ein Superintendent in der Lutherstadt Wittenberg richtete sich großzügig mit Biedermeier-Interieur ein. Ein schwedischer Pastor ließ sich samt Familie im barocken Sonntagsstaat porträtieren. Neben sechs Töchtern, sieben Söhnen und einem Wiegenkind gehörten zu seinem Haushalt auch ein russischer Bär, ein amerikanischer Waschbär und ein Affe.

Pastoren lebten in der Regel gut, auch wenn sie angehalten waren, ein offenes Haus zu führen und selten Ruhe hatten. Bis ins 19. Jahrhundert erhielten sie zwar keinen Beamtensold, aber sie verfügten über Pfründe und erhoben für Amtshandlungen Gebühren. Außerdem entrichtete das Gemeindevolk die Zehntabgaben. Bauern mussten den Geistlichen Pferd, Knecht und Wagen zur Verfügung stellen, dies änderte sich erst, als in den 1890er Jahren Landpfarrer auf Fahrräder und später auf Automobile umstiegen. Die Pfarrfrau immerhin hatte eine gehobene Stellung: Sie war ihrem Gatten „Gehülfe und Tragstab und nicht Fußschemel“.

Kuriose Stücke der Schau, durch die beschwingte Kirchenmusik tönt, sind neben einer Uhr mit „Weltuntergangsmesser“ eine bemalte „Konfitentenlade“ von der Insel Föhr. Gläubige warfen in das Kästchen den „Beichtgroschen“. Entgegen verbreiteter Ansicht habe Luther die private Beichte nicht abgeschafft, erfährt man. Am Schluss des Rundgangs wechselt die Atmosphäre vom behaglich-besinnlichen Leben zum bedrückenden Alltag der Pfarrer in der Zeit des Nationalsozialismus und der Repression, Anpassung und kirchlichen Opposition in der DDR.

Gold, Purpur und harte Bänke

Der christliche Klerus, ob katholisch oder evangelisch, erscheint in der Ausstellung eingespannt zwischen Repräsentationsaufgaben und Bescheidenheitspostulat. Schon der Sozialphilosoph und Ökonom Thorstein Veblen beschrieb in seiner „Theorie der feinen Leute“ (1899) den merkwürdigen Widerspruch zwischen prunkvollen Gotteshäusern und Priestergewändern als Ausdruck „demonstrativer Verschwendung“ auf der einen und Demutsgesten auf der anderen Seite.

Gold und Purpur dienen nach traditioneller Ansicht der Ehre Gottes, das Kirchenvolk aber kniet auf harten Holzbänken. Veblen brachte das auf die schöne Formel „enthaltsam verschwenderische Unbequemlichkeit“. Trifft das nicht auch für die kühle Residenz des Luxusbischofs Tebartz-van Elst zu?

Vorbild christlicher Lebensführung
Das evangelische Pfarrhaus sei fünf Jahrhunderte lang „ein Hort universeller Bildung und bürgerlichen Lebens, das Vorbild christlicher Lebensführung, Ursprung von Literatur, Philosophie und Wissenschaft“ gewesen, lautet die These der Kuratoren Bodo-Michael Baumunk und Shirley Brückner. Die Entwicklung dieser gesellschaftlich prägenden Institution verfolgt die Ausstellung „Leben nach Luther — Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ im Deutschen Historischen Museum Berlin. Das Museum hat die erste umfassenden Schau zum Pfarrhaus gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Internationalen Martin-Luther-Stiftung (IMLS) konzipiert.


Die Ausstellung ist bis zum 2. März 2014 zu sehen; Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, Berlin, täglich 10 bis 18 Uhr; der Katalog kostet 25 Euro.

Johanna Di Blasi

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