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Travejazz: Der Tag zur Nacht, die Nacht zum Tag

Lübeck Travejazz: Der Tag zur Nacht, die Nacht zum Tag

Travejazz-Festival mit virtuosen Höhepunkten: NDR-Trompeter Ingolf Burkhardt, Kiddo Kat und die Heavytones.

Starke Stimme, starker Auftritt von einer, die groß rauskommen will: Kiddo Kat beim Konzert im Schuppen 6 an der Untertrave.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Die Konzertpädagogin Kathrin Bonke hatte das richtige Thema für ihre Kinder-Bespaßung gestern am frühen Nachmittag gefunden: „Entspannt am Strand“ war ihr Mitmachkonzert für Familien überschrieben, das sie mit einigen Mitstreitern vor dem Schuppen 6 abhielt. Bei strahlender Sonne fanden sich zwei Hände voll Kinder ein, die in der Hitze Stücke von Eric Satie oder Scott Joplin zu hören und eine neckische Handlung vom Meer zu sehen bekamen.

LN-Bild

Travejazz-Festival mit virtuosen Höhepunkten: NDR-Trompeter Ingolf Burkhardt, Kiddo Kat und die Heavytones.

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Groove in der Hitze

des Nachmittags

Drinnen im schummrigen Schuppen wurde es danach ernst: Die NDR-Bigband war vielköpfig angereist als einer der Höhepunkte des Travejazz-Festivals. Mit dem Trompeter Ingolf Burkhardt als Solisten und mit Stücken von Joe Sample, dem Gründer der Soulband The Crusaders. Eigentlich ein Abendprogramm – wenn draußen grelles Licht herrscht, könnte man sich bei den schwülen Funk-Nocturnes deplatziert fühlen. Doch die NDR-Bigband kann den Tag nur Nacht machen und diese dann erhellen.

Crusaders-Hits wie „Street Live“ oder „One Day I’ll Fly Away“ sind ohnehin zeitlos, besonders, wenn sie von Bigband-Leiter Jörg Achim Keller opulent veredelt wurden. Auf den Schaumkronen der Saxofon- und Posaunensätze surft Ingolf Burkhardt mühelos durch mindestens drei Oktaven, er kann seinen Trompetensound triumphieren, aber auch quäken lassen, er kann Spitzen- mit Pedaltönen kontrastieren, und er schreckt auch nicht vor elektronischer Verfremdung zurück. Doch immer klingt da ein erdiger Blues durch. Das bleibt so, als er sich anschließend mit seinem Quartett Jazul sowie einigen Gästen vom großen Klangkörper befreit. Auch wenn Burkhardt im badischen Idiom moderiert, meint man, sich irgendwo zwischen Mississippi und New York zu befinden.

Ähnliche Gefühle konnten einen zwischenzeitlich auf dem Turm von St. Petri beschleichen, wo die Sängerin und Geigerin Cleo Steinberger mit dem Kontrabassisten Florian Galow für wenige Besucher – die meisten kamen eher nicht wegen der Musik – ein feines Höhenkonzert gab.

Die ersten Höhepunkte hatte es schon am Abend zuvor gegeben im bewährten Schuppen 6. Nach einem feinsinnigen Open-Air-Auftritt des Quartetts von David Grabowski, einem Gitarristen aus Lübeck, der in Hamburg Schulmusik und Jazz studiert, war das zahlreiche Publikum neugierig auf eine junge Sängerin, die es darauf angelegt hat, möglichst bald groß rauszukommen. Nicht unbedingt auf Jazz-Bühnen, sondern auf allen.

Kiddo Kat leuchtet

am Abend

Mit dem Auftritt jener Frau, die sich Kiddo Kat nennt, wurde es am Freitagabend draußen zwar dunkel, doch drinnen ging die Sonne auf. Sie strahlte sich die Zuneigung des Auditoriums herbei. Bereits beim Duckstein-Festival war sie an der Trave zu hören, doch jetzt ist der Kontext seriöser (findet sie).

Mit viel Soul und Funk in der Stimme und einer lautstarken Band im Rücken bringt die Musikerin, die im Internet bekannt wurde mit einem Low-tech-Auftritt in der S-Bahn, große Teile des Publikums zum Hüpfen. Sie ist eine Entertainerin wie Lady Gaga (wenn der Vergleich nicht zu prominent ist), eine Diva, die mit einem Hüftschwung Gunst erweist. Zu ihren Songs „Why Am I So Funky?!“ und „Chased and Replaced“ oder zu „Come Together“ von den Beatles klatscht, singt und winkt auch die auf Jazz eingeschworene Menge nach ihrem Kommando.

Die Gibson Flying-V-Gitarre nutzt sie als Abstandhalter vor zu viel Zuneigung, doch sie holt aus dem Instrument auch entscheidende Akzente für ihr Liedgut heraus. Und der Pferdeschwanz tanzt dazu Pogo. Da verzeiht man Kiddo Kat auch das etwas alberne Pseudonym („Anna Guder klingt eben nicht funky“, sagte sie den LN). Zu ihrer großen Stimme passt der niedliche Name jedenfalls nicht.

„Heavytones“ ist da schon passender. Nicht für Anna Gude, sondern für das Quintett, das nach ihr auftrat. Mit ihm kam der Jazz zurück in den Schuppen – oder besser: der Groove mit intensiven Improvisationen. Die Heavytones sind eine Band der Namenlosen, man kennt die starken Instrumentalisten nur in Verbindung mit einem Mann, der gar nicht mitspielt – Stefan Raab. In der Fernsehsendung „TV Total“ gaben sie fast 15 Jahre lang den Ton an. Nun touren sie selbstständig durch die Welt, pflegen aber weiter den satten Sound. Sie können alles, was der Jazz erfordert, sind durchweg virtuose Solisten, die anstandslos in die zweite Reihe zurücktreten, wenn es die Kunst erfordert. Wunderbare Begleiter durch die Nacht.

Heute Eintritt frei

Jazzgottesdienst: heute um 10.40 Uhr in St. Jakobi zu Lübeck: „7 Türme, 5 Saxophone“.

Lübecker Jazzpreis: Die US-amerikanische Saxofonistin Su Terry und der polnische Pianist Vladyslav Sendecki (NDR Bigband), die gestern Abend im Schuppen 6 aufgetreten sind, haben im Mai einen vom Jazz Pool Lübeck organisiertes Band-Coaching durchgeführt. Das Ergebnis wird heute von regionalen Nachwuchsmusikern präsentiert. Björn Engholm wird im Anschluss einer der drei beteiligten Gruppen den 1. Lübecker Jazz-Preis überreichen. Beginn: 12 Uhr, Schuppen 6. Eintritt frei.

 Michael Berger

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