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Treue im Zeitalter des Smartphones

Buchkritik Treue im Zeitalter des Smartphones

Doris Knechts neuer Roman „Alles über Beziehungen“ handelt von den sexuellen Abgründen moderner Stadtbewohner.

Unerlässliches Instrument der Zeitgenossen, um Arbeit, Familie und Liebesdinge zu koordinieren: das Mobiltelefon.

Quelle: ROBERT KNESCHKE/FOTOLIA

Lübeck. Man lasse sich vom Titel nicht täuschen: „Alles über Beziehungen“ ist kein Ratgeber für gelingende Partnerschaften. Der neue Roman der österreichischen Autorin Doris Knecht ist eher das Gegenteil – eine illusionslose, am Beispiel des Protagonisten Viktor fein durchdeklinierte Bestandsaufnahme der Unverbindlichkeit als Lebensentwurf im Zeitalter des Smartphones. Für Viktor ist das Handy ein unerlässliches Instrument, um seine beruflichen und amourösen Verpflichtungen wie ein Jongleur in einem reibungslosen, geschmeidigen Reigen zu halten.

Natürlich fliegen ihm die Bälle schließlich um die Ohren, das kündigt sich an mit dem ersten Satz: „Reiche, weiße Menschen haben auch Probleme.“ Man kann sich darauf freuen, wie nonchalant und unabwendbar die Autorin diesen Viktor aus dem Tritt geraten, sein Liebesleben kollabieren, seine Täuschungen und Selbsttäuschungen auffliegen lässt.

Der Fast-Fünfziger, Intendant eines kleineren Bühnen-Festivals, ist Angehöriger der Wiener „Bobowelt“: Bonvivant und Bohemien. Kulturschaffend, gutverdienend und als Dauerradler unter SUVs und Porsches gerade ausreichend nonkonformistisch, um sich vom Establishment abzuheben.

Das Buch

„Alles über Beziehungen“ von Doris Knecht, Rowohlt Berlin, 288 Seiten, 23,60 Euro.

Das ist wichtig fürs Selbstbild, und das poliert sich der äußerlich etwas durchschnittlich geratene Viktor so, dass es ihm einen engagierten Theatermacher, politisch reflektierten Tattooträger und liebevollen Vater von fünf Kindern (wenn auch aus verschiedenen Beziehungen) zeigt. Der auch mit fast Fünfzig noch zu den sexuell hochaktiven Vertretern seines Geschlechts gehört.

Hypersexuell sei er, das hat er sich von einem renommierten Sexualtherapeuten vorausschauend bescheinigen lassen. Das klingt doch ganz anders als „sexsüchtig“, schmeichelt dem Ego und erklärt aufs Feinste seine zwanghafte Promiskuität. Denn Viktor, der mit Magda und den drei gemeinsamen Töchtern ein stabiles und glückliches Familienleben genießt, hüpft durch die Betten Wiens wie ein liebestolles Kaninchen und hält sich für „bulletproof“: Keiner würde gerade ihm, einem eher unscheinbaren, nicht unbedingt attraktiven Mann einen solchen Schlag bei Frauen zutrauen.

Mit Kurznachrichten, kleinen Liebesbotschaften und vielen Emoticons unterhält und koordiniert Viktor seine Affären, springt zwischen Theaterprobe und Strategiesitzung vom Fahrrad und zur beiderseitigen Beglückung und Triebabfuhr bei Josi, Helen, Nathalie oder Lisbeth ins Bett. Ein ehrlicher Liebhaber, denn alle wissen: Viktor gehört zu Magda, das hat er immer klargestellt. Da war Viktor immer ganz authentisch, sie geht ihm über alles, und deshalb ist dieser Viktor natürlich auch kein Fremdgänger: Er „hielt sich nicht für treulos. Sein Treuebegriff entsprach nur einfach nicht dem Paradigma der sexuellen Eingleisigkeit, der altmodischen Monogamie. Aber er war nicht treulos, wenn man außerehelichen Sex wie ein Spiel sah. So wie Viktor es tat.“

Doris Knecht, eine der spannendsten zeitgenössischen Stimmen Österreichs, erzählt aus der Perspektive ihrer Figuren – aus dieser Innensicht heraus macht die Autorin alle Lügen, Gewissenbisse, moralischen Rechtfertigungen und Selbsttäuschungen öffentlich. Und hat damit gleich auch ihre Leser am Wickel. Ob das Viktor ist oder Toni, ihre Protagonistin aus dem 2013 publizierten Roman „Besser“ – Knechts Figuren sind moderne Charaktere, Stadtbewohner, weltoffene, auch in ihren Abgründen nicht unbedingt unsympathische Typen. Man kennt ihre Gewohnheiten, Vorlieben, versteht ihre Sicht auf die Welt, ihre Art zu leben, sich einzurichten in einer Existenz, die ja recht komfortabel ist, auch wenn nicht immer alles Gold ist, was da glänzt . . . Knechts Erzählungen sind Geschichten aus dem 21. Jahrhundert. Sie sind entlarvend. Und man will trotzdem immer mehr davon.

 Regine Ley

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