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„Tristan“: Jubel für die Musik, Buhs für die Urenkelin

Bayreuth „Tristan“: Jubel für die Musik, Buhs für die Urenkelin

Katharina Wagner hat mit der großen Liebesoper ihres Urgroßvaters eine Horrorversion der großen Liebe auf die Festspielbühne gebracht.

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Tristan (Stephan Gould) im Fieberwahn, an seiner Seite: Brangäne (Christa Mayer) und Isolde (Petra Lang, r.).

Quelle: Enrico Nawrath/dpa

Bayreuth. . Als ihre Version von „Tristan und Isolde“ im vergangenen Jahr Premiere bei den Bayreuther Festspielen feierte, zeigte Katharina Wagner sich danach kurz dem Publikum. Hand in Hand mit ihrem gesamten Team verriet nur ihre umherwirbelnde blonde Mähne die Anwesenheit der Festspielchefin. Viele Zuschauer dürften die Regisseurin so schnell gar nicht erkannt haben.

In diesem Jahr ist die 38-Jährige ein bisschen forscher. Gemeinsam mit ihrem Regie-Team tritt sie nach der Aufführung zum Schlussapplaus zaghaft einen Schritt nach vorne – und löst ein Buh-Konzert von weiten Teilen des Publikums aus. Das bringt sie zum Lachen, doch sie wirkt überrascht. Schien es im vergangenen Jahr doch so, als stoße ihre düstere Interpretation der tragischen Liebesoper ihres Urgroßvaters Richard Wagner überwiegend auf Zustimmung.

Auch in diesem Jahr bietet ihre Inszenierung eigentlich wenig Anlass für Protest. Zwar gibt es durchaus Längen, vor allem im ersten und zweiten Aufzug. Eigentlich aber ist ihre Version der Geschichte durchaus stimmig. Sie zeigt Tristan und Isolde als Liebespaar ohne Ausweg, dem tragischen Ende von Anfang an geweiht: eine Horrorversion der großen Liebe. Treppen brechen im ersten Aufzug immer wieder weg, wenn Tristan versucht, zu Isolde zu gelangen. Ganz zum Schluss darf das Paar noch nicht einmal gemeinsam sterben, König Marke zieht vielmehr Isolde weg, fort von ihrer großen, toten Liebe.

Im dritten Akt, dem ästhetischen Höhepunkt der Inszenierung, erscheinen Tristan im Fieberwahn immer wieder Schreckensversionen seiner Geliebten. Es sind durchaus beeindruckende Bilder, an denen Wagner noch einmal gefeilt hat. „Wir haben auch an Feinheiten gearbeitet“, sagte die Regisseurin vor dem Start der Festspiele. „Wir haben die Isolde im dritten Akt noch etwas abstrakter angelegt, die Masken werden noch etwas fremder. Es ist eine Vision Tristans.“

Gefeiert wird sie dafür nicht, ganz im Gegensatz zu allen anderen Beteiligten: Dirigent Christian Thielemann bringt das Festspielhaus mit seiner einnehmenden und kraftvollen Orchesterführung zum Kochen. Und auch den Sängern wird frenetisch applaudiert. Stephen Gould ist ein warmer, emotionaler Tristan, Petra Lang bei ihrem Isolde-Debüt stimmsicher, Georg Zeppenfeld als König Marke eine Klasse für sich.

Im Publikum saß am Montagabend auch Angela Merkel. Die Bundeskanzlerin, sonst Stammgast bei der Eröffnungspremiere in Bayreuth, hatte sich im fliederfarbenen Ensemble und mit ihrem Mann Joachim Sauer unter die Premierengäste von „Tristan und Isolde“ gemischt. Ein Urteil über die Inszenierung wollte sie nicht abgeben.

Britta Schultejans

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