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„Tschick“ macht Boxenstopp in Lübeck

Lübeck „Tschick“ macht Boxenstopp in Lübeck

Der früh aus dem Leben geschiedene Wolfgang Herrndorf hat mit „Tschick“ einen der großen Jugendromane der vergangenen Jahrzehnte geschrieben. Die Theaterfassung wurde prompt zu einem der meistgespielten Stücke auf deutschen Bühnen. Jetzt wagt sich das Volkstheater an „Tschick“.

Lübeck. Regie führt Hausherr Tommy Geisler, eigentlich ein Fachmann für Komödien und Schwänke. Was hat ihn dazu bewogen, sich mit einem Stück zu beschäftigen, das eigentlich überhaupt nicht zum Profil seines Hauses passt? „Es sind zwei Gründe“, sagt der Schauspieler und Regisseur, „zum einen finde ich ,Tschick‘ ganz einfach hinreißend. Zum anderen habe ich schon lange darüber nachgedacht, wie man jüngeres Publikum ins Volkstheater holen kann. Dafür scheint mir dieses Stück besonders geeignet.“

 

LN-Bild

Ilja Osiik (links) ist Tschick, Fritze Finn Diekmann spielt seinen besten Kumpel Maik.

Junge Leute können sich in „Tschick“ durchaus wiederfinden, das haben die Erfolge des Romans, der Verfilmung durch Fatih Akin und der Bühnenfassung von Robert Koall überzeugend nachgewiesen.

Mittlerweile gibt es sogar eine „Tschick“-Oper von Ludger Vollmer, die im vergangenen März am Theater Hagen uraufgeführt wurde. Dabei ist die Geschichte, die Wolfgang Herrndorf in „Tschick“ erzählt hat, nicht nur ein leichter Stoff, im Gegenteil.

Der Namensgeber Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow und ist ein wortkarger russischer Spätaussiedler. Ein klassischer Außenseiter in der Schule ist dieser Tschick, ebenso ergeht es Maik Klingenberg, 14 Jahre alt, aus bürgerlichen Verhältnissen stammend und mit einer alkoholkranken Mutter und einem gewalttätigen Vater geschlagen. Maik und Tschick werden Freunde und gehen auf Tour, wie es sich gehört mit einem geklauten Auto, einem rostigen Lada. Sie wollen Tschicks Großvater in der Walachei besuchen – ankommen werden sie dort jedoch nie, denn schon auf der Fahrt durch Ostdeutschland erleben sie die unglaublichsten Abenteuer und Unfälle. Die seltsamsten Leute begegnen ihnen, am Ende landen die beiden Reisenden vor Gericht.

Vom Grund her ist „Tschick“ ein Roadmovie, die meisten Szenen spielen auf der Straße in dem klapperigen Lada. Wie bringt man das auf die Bühne des Volkstheaters? Tommy Geisler: „Zunächst habe ich mir den Text vorgenommen und so eingerichtet, dass er in unser Haus passt. Wir haben reichlich gestrichen, sonst wäre diese Fassung viel zu lang gewesen. Und außerdem haben wir den allergrößten Teil der Begriffe und Ausdrücke gestrichen, die man früher als unanständig bezeichnet hat und die es zumindest für ältere Menschen heute auch noch sind. Und dann ging es an die szenische Umsetzung – die hat mich schlaflose Nächte gekostet.“

Regisseur Geisler will viele Situationen nur andeuten, er setzt dabei auf Verständnis und Fantasie der Zuschauer. „In der Mitte der Bühne wird ein Auto stehen, die beiden Helden sind nun einmal dauernd unterwegs. Rechts und links vom Auto befinden sich Spielflächen, auf denen die einzelnen Szenen dann stattfinden. Da werden wir viel mit Requisiten arbeiten, um doch eine Illusion zu erzeugen.“ Und natürlich auch mit den verschiedensten Lichteffekten: 64 Scheinwerfereinstellungen haben Tommy Geisler und sein Team für diese Produktion entwickelt. „Ein solches Stück ist für mich absolutes Neuland“, sagt Geisler. „In meiner ganzen Laufbahn habe ich ein derartiges Drama weder gespielt noch inszeniert. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie es läuft und wie es ankommt.“

Im Vergleich zur originalen Bühnenfassung hat Tommy Geisler einiges geändert: „Viele der Nebenfiguren werden nur erzählt“, sagt er. „Wir bringen eine große Zahl davon auf die Bühne, weil ich glaube, dass man so die Qualität der Dialoge plastischer herausbringen kann. Außerdem gibt es in der Bühnenfassung keinerlei Regieanweisungen und keine feste Besetzung, das hat mir freie Hand gelassen.“

Sehr froh ist der Regisseur, der zur Zeit noch als Hauptdarsteller in dem von ihm selbst inszenierten Schwank „Der Meisterboxer“ das Volkstheater füllt, mit seinen beiden jungen Hauptdarstellern.

„Fritze Finn Diekmann und Ilja Osiik sind nach meinem Eindruck Idealbesetzungen. Sie haben unglaublich viel Text zu sprechen und haben ihn in kürzester Zeit gelernt, schon das ist eine große Leistung. Ilja ist außerdem wirklich Russe, er kommt wie Tschick auch aus St. Petersburg – das hilft ihm ungemein.“

Zwei Stunden reine Spieldauer wird „Tschick“ im Volkstheater Geisler haben – für dieses Haus eine außergewöhnlich lange. Auch das ist ein echtes Experiment. Eines darf man nicht vergessen: Auch in „Tschick“ darf gelacht werden.

Premiere morgen um 20 Uhr.

Von Jürgen Feldhoff

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