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Tschüss, Paulchen!

Hannover Tschüss, Paulchen!

Schlager, Fernsehen, Swingmusik: Die Karriere des Pianisten und Sängers Paul Kuhn spiegelt deutsches Kulturleben. Nun ist er mit 85 Jahren gestorben.

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Sein Lieblingsplatz: Paul Kuhn am Klavier.

Quelle: Foto: dpa

Hannover. Natürlich war der Mann ein guter Musiker. Ein lakonischer Pianist, ein geschmackvoller Arrangeur, ein sympathisch eigenwilliger Sänger. Die Faszination, die von Paul Kuhn ausging, erklärt das allerdings nicht. Vielleicht liegt sie eher darin, dass Kuhn einer war, der sich nie hat unterkriegen lassen. Einer, der die mageren Jahren im kriegszerstörten Deutschland als „eine wunderbare Zeit“ in Erinnerung hatte. Nun ist Paul Kuhn im Alter von 85 Jahren in einer Klinik in Bad Wildungen gestorben.

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Sein Lieblingsplatz: Paul Kuhn am Klavier.

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Karriereknick, Ehescheidung, Steuerfahndung: Alles kein Problem für einen Typen wie ihn. Vielleicht gab es den einen oder anderen neuen Augenring in seinem ohnehin zerknautschten Gesicht — mehr nicht. Kein Wunder, dass ihn auch das Alter nicht geschreckt hat. Selbst eine schwere Gürtelrose im Gesicht, die ihm vor fünf Jahren einen Großteil seiner Sehkraft gekostet hatte, konnte ihn nicht stoppen. Unverdrossen gab er weiter Konzerte, war in der Tragikomödie „Schenk mir dein Herz“ sogar als Schauspieler im Kino zu sehen.

Erst vor kurzem erschien seine letzte CD, aufgenommen in dem Studio in Los Angeles, in dem Frank Sinatra seine Platten eingespielt hatte. Mag sein, dass er gefühlt hat, dass er sich beeilen musste, um diesen Traum noch zu erfüllen. Ausgedrückt hat er das allerdings anders: „Zu Hause sitzen und warten, bis der Sensenmann kommt, will ich ja auch nicht.“ Ein Satz wie ein Pianosolo im Kuhn-Sound — abgeklärt und doch menschlich.

Wunderkind im Fernsehen

In Kuhns Aufstieg, Fall und neuerlicher Karriere spiegelt sich die deutsche Kultur der Nachkriegszeit deutlicher als in den meisten anderen Musikerbiografie. Geboren 1928 als Sohn einer Croupiers in der Spielerstadt Wiesbaden, startet Kuhn ungewöhnlich früh eine Fernsehkarriere. 1936 war er bei der Berliner Funkausstellung in einer Probesendung für die neuartige Technik zu sehen — als achtjähriges Wunderkind mit dem Akkordeon.

Zum Klavier fand er am Musischen Gymnasium in Frankfurt am Main, dort wurde er Schüler beim späteren Leipziger Thomaskantor Kurt Thomas. Allerdings interessierte Kuhn sich weniger für Bach. In den letzten Kriegsjahren sog er vielmehr per „Feindsender“ jene aufregende neue Musik aus Amerika auf, die man Jazz nannte. Nach 1945 konnte er in den Klubs der Stadt die US-Soldaten unterhalten, die ihn im Gegenzug mit Kaffee, Zigaretten und Noten versorgten.

1950 bekam er seinen ersten Plattenvertrag. Doch statt amerikanischer Swingmusik sollte er Lieder mit deutschen Texten singen. Er war nicht begeistert, sträubte sich aber auch nicht. So kam Paul Kuhn zum Schlager. Bald waren Stücke wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ oder „Die Farbe der Liebe“ in aller Munde. „Der Mann am Klavier“ wie man Kuhn nach seinem ersten Hit von 1954 oft nannte, wurde eine Institution in der Unterhaltungswelt der Bundesrepublik. Die eigenen Auftritte machten dabei nur einen Teil der Arbeit aus. Kuhn war auch ein gefragter Produzent, der jungen Kollegen wie Howard Carpendale zum Durchbruch verhalf. Kein Wunder, dass Fernsehshows wie „Pauls Party“, „Hallo, Paulchen“ oder einfach „Die Sendung mit Paul“ Quotengaranten für den Sonnabendabend waren.

Aus der Mode graten

Der Jazz hat in dieser Zeit keine große Rolle für Kuhn gespielt. Auch nicht, als er 1968 Chef der Bigband des Senders Freies Berlin wurde. Das Orchester spielte vor allem populäre Tanzmusik.

1980 wendete sich die Zeit allerdings gegen Kuhn. Er verlor seinen Posten beim Rundfunk, seine Plattenfirma kündigte den Vertrag. Kuhn und die Musik, für die er stand, waren aus der Mode geraten.

Eine Zeitlang hielt er sich mit einem kleinen Orchester und Auftritten bei Bällen über Wasser. Erst nach und nach entdeckte er seine alte Liebe wieder. Anfang der 1990er Jahre nahm Kuhn dann eine reine Jazzplatte in Triobesetzung auf. Es war der Startschuss seiner zweiten Karriere.

Als altersweiser Swingmusiker erntete Kuhn nun nicht nur Erfolg, sondern auch Anerkennung. Der ehemalige Schlagerfuzzi wurde zu einem geachteten Musiker. 2008 bekam er den ehrwürdigen Preis der Deutschen Schallplattenkritik für sein Lebenswerk. Mit seinen etwa gleichaltrigen „Swing-Legenden“, dem Klarinettisten Hugo Strasser und dem Saxofonisten Max Greger, füllte er da längst wieder große Hallen.

Erst in den vergangenen Monaten musste Kuhn Konzerte aus gesundheitlichen Gründen absagen. Am Klavier saß er bis zuletzt jeden Tag. „Es macht mich froh“, hat er einmal über sein Spiel gesagt. Man konnte es bei jedem Ton hören.

Abschiedsworte
„Wenn irgendwo ein Klavier stand,

saß Paul dran — jede Sekunde.“

Schauspieler Peter Lohmeyer


„Die Bandbreite seines Könnens, vom Pianisten

internationalen Formats bis zum besten betrunkenen Darsteller aller Zeiten war umwerfend.“

Schauspieler und Sänger Peter Kraus


„Ohne Paul Kuhn würde es gar keine deutsche Jazz-Szene geben.“

Kuhns langjähriger Band-Kollege Willy Ketzer


„Paul Kuhn war einer der

bedeutendsten Jazz-Pianisten.“

Eckhard Meszelinsky,

Organisator der Jazztage Leverkusen

Stefan Arndt

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