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Kultur im Norden „Türen auf für die Barbaren“
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22:28 18.10.2013
Wladimir Kaminer als DJ: Der Berliner Autor und russische Migrant will gemeinsam mit seinen Mitstreitern das deutschsprachige Lied neu erfinden. Quelle: dpa

Berlin — Wladimir Kaminer (46) wird gefeiert als Lieblingsrusse der Deutschen und geschmäht als Russe vom Dienst. Der Wahlberliner erzählt nicht nur mit feiner Ironie von merkwürdigen Ereignissen, er sammelt auch skurrile Musik aus aller Welt. Er gilt als der Erfinder der Tanzveranstaltung „Russendisko“. Seine neueste Songkollektion heißt „Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer“.

Lübecker Nachrichten: Sie haben eine CD zusammengestellt, darauf singen in Deutschland lebende Ausländer auf deutsch über Liebe, Glaube, Hoffnung und Sex. Haben Sie die Songs wirklich beim Taxifahren entdeckt?

Wladimir Kaminer: Ein befreundeter DJ hat zum internen Gebrauch einmal eine Platte zusammengestellt mit dem Titel „Lieblingslieder der brasilianischen Taxifahrer“. Ich war von der Vielfalt der Musik beeindruckt. Deswegen habe ich den Titel einfach geklaut. Dass Taxifahrer diese Musik hören, ist natürlich Wunschdenken. Wir wollen Künstler präsentieren, die in den letzten Jahren aus allen möglichen Ecken der Welt nach Deutschland gekommen sind, um sich auf dem Feld des deutschen Gesangs zu versuchen.

LN: Ein neuer musikalischer Trend: Migranten singen auf deutsch?

Kaminer: Es gibt dazu eine Vorgeschichte. Der wunderbare Finne M. A. Numminen singt bei uns ein altes Lied — auf deutsch. Für die Finnen war Deutsch immer die Sprache von Karl Marx. Deswegen hat die finnische 68er-Generation Deutsch als das Idiom des politischen Diskurses benutzt. Numminen hat viele politische Lieder über den Ideenmangel im finnischen Parlament gemacht. Diese radikal demokratische Logik kommt am besten in deutscher Sprache an.

LN: Gibt es jenseits der Sprache etwas, das die Bands auf Ihrer Platte miteinander verbindet?

Kaminer: Eine unglaubliche Frische und Unverdorbenheit! Das ist manchmal ein barbarischer Umgang mit der Musik.

LN: Wie meinen Sie das?

Kaminer: Auf der Platte hören wir Menschen, die auf dem ziemlich dekadenten Feld der deutschen Sangeskunst, die immer noch an ihrer eigenen Geschichte leidet, versuchen, das deutschsprachige Liedgut neu zu erfinden. Das ist ein lebensrettender Prozess für eine Gesellschaft. Diese muss sich allen möglichen Barbaren gegenüber offen zeigen. Weil diese frisches Blut in die Gesellschaft bringen. Man muss vor solchen Entwicklungen keine Angst haben. Diese Neuankömmlinge fassen das, was man vor ein paar Jahren noch als Leitkultur bezeichnet hat, als ihre eigene Kultur auf.

LN: Wollen Sie sich mit der Liedersammlung in die Diskussion über Migrationspolitik einmischen?

Kaminer: Ja, weil es eine sehr wichtige Diskussion ist. Auch in meiner Heimat Russland ist das ein großes Thema. Sollen die Tadschiken jetzt doch visumspflichtig werden? Angeblich sind sie daran schuld, dass viele Russen keine Arbeit haben. Aber eigentlich ist es gleich, ob das nun Tadschiken, Turkmenen oder Weißrussen sind, denn Menschen gehen immer dorthin, wo Freiräume vorhanden sind.

Auch Deutsche tun dies. In der deutschen Musiklandschaft sind Lagunen entstanden. Dort strömen Musiker aus aller Welt hinein.

LN: Mit dem Lied „Radost“ geben Sie Ihr Debüt als Rapper. Was bedeutet der Titel?

Kaminer: Radost bedeutet Freude. Ich wollte schon immer eine Band gründen und langsamen Rap für ältere Menschen spielen. Damit die tiefgründigen Inhalte verständlich rüberkommen.

LN: Leider ist Ihr Rap-Gesang hier etwas schwer zu verstehen.

Kaminer: Ich habe meinen Text eigentlich ganz normal eingesungen. Aber im Studio haben sie den Song so schnell gemacht, dass man kaum versteht, was ich da eigentlich singe. Meinen Kindern hat es auf jeden Fall gefallen.

LN: Wovon handelt der Song?

Kaminer: Von gescheiterten Revolutionen, wie der Orangenen Revolution in der Ukraine. Diese mag gescheitert sein, aber für die Musikszene dieses Landes war sie ein unglaublicher Erfolg. Menschen, die immer nach dem Guten streben, bekommen oft etwas, was sie eigentlich gar nicht wollten. In meinem Song geht es einerseits um die Anfänge des vorigen Jahrhunderts und die revolutionären Gedanken zur Weltveränderung. Andererseits auch um die Finanzkrise von heute. Das nächste Mal rappe ich auf jeden Fall noch langsamer.

Bestseller-Autor
Wladimir Kaminer, geboren 1967 in Moskau und seit 1990 deutscher Staatsbürger, erreichte mit seinen Büchern „Militärmusik“ und „Russendisko“ eine Millionenauflage. Auf seinen regelmäßigen Berliner „Russendisko“- Veranstaltungen präsentiert Kaminer einen Mix aus alter und neuer russischer Popmusik und Underground.

„Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer“, zusammengestellt von Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy, sind in dieser Woche auf dem Label GMO/Rough Trade erschienen.

Interview: Olaf Neumann

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