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US-Künstler malt Lübecker Geschichte

Lübeck US-Künstler malt Lübecker Geschichte

Berührend und eindringlich: Der amerikanische Konzeptkünstler Ken Aptekar in der Kunsthalle St. Annen.

Die Kunsthalle St. Annen zeigt ab morgen Arbeiten des US-Künstlers Kent Aptekar. Ausgehend von der Nachbarschaft des ehemaligen Klosters und der Synagoge kopierte Aptekar in klassischer Ölmalerei Details aus mittelalterlichen Altären und versah sie mit Texten. So schuf er eine Geschichte der Juden in Lübeck – ergreifend, berührend und künstlerisch auf hohem Niveau.

Quelle: Roeßler

Lübeck. Kunst kann verbinden. Zeiten und Menschen zum Beispiel. Aber auch ein ehemaliges Kloster, eine Synagoge und drei Moscheen in unmittelbarer Nachbarschaft. Der in New York und Paris lebende Konzeptkünstler Ken Aptekar war durch diese räumliche Nähe der Gotteshäuser in der Altstadt fasziniert, als er zum ersten Mal Lübeck im Jahr 2006 besuchte. Er fing an, sich mit der Geschichte der Lübecker Juden zu beschäftigen, das Ergebnis dieser Erkundungsarbeit ist die Ausstellung „Nachbarn“, die ab morgen in der Kunsthalle St. Annen zu sehen sein wird. Eine eindrucksvolle Schau, eine der wichtigsten und gewichtigsten Ausstellungen überhaupt, die jemals in dem Museum für zeitgenössische Kunst gezeigt worden ist.

Mittelalterliche Altäre und Synagoge Wand an Wand - diese Lübecker Besonderheit beeindruckt den Künstler Ken Aptekar. Das Ergebnis ist die Ausstellung „Nachbarn“, die jetzt der Lübecker Kunsthalle zu sehen ist.

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Ken Aptekar verbindet gemalte Kopien von Details aus Altarbildern mit modernen Texten. Damit nimmt er eine Tradition aus der Zeit auf, als die wunderbaren Lübecker Schnitzaltäre entstanden.

Schriftbänder zieren viele der spätgotischen Retabel, Bibelzitate und fromme Episteln treten neben die Bildaussage. Aptekars Arbeiten haben einen vergleichbaren Ansatz: Bilder allein lassen den Betrachter zu oft allein, die Kraft des Wortes hingegen erleichtert das Verständnis und löst so manches Rätsel. Das habe auch viel mit seiner jüdischen Herkunft zu tun, sagt der 1950 in Detroit geborene Künstler. Für Juden gilt ein Bildverbot, umso wichtiger sind Wort und Schrift.

Ken Aptekars Bilder sind in Schichten aufgebaut. In den großen Formaten wird die mit Ölfarbe bemalte Leinwand auf eine Holzplatte aufgebracht, darüber montiert wird eine Platte aus Spezialglas, in die Texte eingraviert sind. Die Glasplatten sind nicht entspiegelt, „der Betrachter soll selbst zum Teil des Bildes werden, wenn er sein Spiegelbild sieht“, meint der Künstler dazu.

Mit ungeheurer Akribie hat Aptekar die Altäre des Lübecker Museums untersucht, bis er die geeigneten Motive gefunden hatte. Mit ebensolcher Akribie hat er dann die Details der 500 Jahre alten Bilder nachgemalt. In den kleineren Bildern hat er nur die Formen der Schriftbänder mit Silberstift nachgezeichnet und mit neuen, in die abdeckende Glasplatte eingravierten Texten versehen.

Die Liebe zum Detail ist es, die diese Arbeiten so sehenswert macht. Auch der zutiefst humanistische Ansatz dieser Art von Kunst überzeugt nicht nur, er überwältigt sogar. In der Apsis des ersten Stocks der Kunsthalle wird in einer Vitrine das Küchentuch gezeigt, mit dem sich die Familie von Simon Carlebach vor ihrer Deportation nach Riga 1942 von ihren christlichen Nachbarn verabschiedeten. In Riga wurde die Familie ermordet, Simon Carlebachs Sohn Felix konnte bereits 1939 fliehen und wurde Rabbiner von Manchester.

Das Tuch gab ihm bei seinem ersten Lübeck-Besuch 1985 die Tochter ehemaliger Nachbarn, die die Carlebachs heimlich mit Lebensmitteln versorgt hatten. Jetzt ist das Tuch als Leihgabe wieder in Lübeck, in sechs ergreifenden Bildern hat Ken Aptekar die Geschichte der Familie Carlebach geschildert. Diese gut 70 Jahre alte Historie mit Details aus 500 Jahre alten Altarbildern zu illustrieren, wirkt auf den ersten Blick geradezu tollkühn — aber die Konstruktion trägt die Botschaft, sie beeindruckt und hat eine große emotionale Kraft.

Zu der Ausstellung, die Ken Aptekar als Gesamtkunstwerk begreift, gehört auch eine Videoinstallation. In Santiago de Chile interviewte Aptekar Rodolfo Hofmann, dessen Vater einst das später von der Familie Schümann übernommene Schuhgeschäft am Kohlmarkt besessen hatte. Rodolfo Hofmann war der letzte jüdische Knabe, der in Lübeck seine Bar Mitzwah feiern konnte — wenige Wochen später, im Herbst 1936, emigrierte die Familie nach Chile. Dieses Video ist menschlich berührend, Hofmann war bei der Aufnahme 91 Jahre alt und erinnerte sich noch immer gerne an seine Kindheit in Lübeck, das er nach Kriegsende immer wieder besuchte.

Diese Ausstellung hätte es verdient, auch an anderen Orten gezeigt zu werden. Sie ist künstlerisch überzeugend, sie ist berührend und eindringlich. Vor allem aber macht sie deutlich, was Nachbarschaft bedeuten konnte. Und velleicht noch immer kann.

Service zur Ausstellung

Die Ausstellung „Nachbarn“ von Ken Aptekar wird am Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet. Die Festrede hält die Autorin Erica Fisher. Zu sehen ist die Schau bis zum 29. Mai.

Führungen durch die Ausstellung mit Museumsdirektor Thorsten Rodiek finden am 6. März, 24. April und am 29. Mai jeweils von 11.30 bis 13 Uhr statt. Der Eintritt kostet 11 (7,50) und für Kinder 6,50 Euro.

Im Rahmenprogramm der Ausstellung liest der israelische Autor Ron Segal am 12. Mai im St.-Annen-Museum aus seinem Debütroman „Jeder Tag wie heute“.

Jürgen Feldhoff

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