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„Über das Auge durch das Herz aufs Papier“

Hannover „Über das Auge durch das Herz aufs Papier“

Die Bildergeschichten „Vater und Sohn“ erleben eine Fortsetzung — Ihren Schöpfer e.o.plauen trieben die Nazis 1944 in den Tod.

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Die letzte „Vater und Sohn“-Zeichnung „Abschied, oder: Das größte Abenteuer“ von e.o.plauen.

Hannover. Er hat keine Hoffnung mehr in dieser Nacht, er greift zum Formular C2001 und zum Stift und verfasst die beiden letzten Briefe seines Lebens. „Ich küsse euch“, schreibt er in seiner Zelle im Gestapo-Gefängnis in Berlin-Moabit an seine Frau Marigold und an seinen Sohn Christian, 13 Jahre alt. „Ich kann nur hilflos weinen. Ich weiß, dass Ihr beide in Liebe an mich denkt, und ich flüstere Euer beider Namen oft ins Dunkle.“

Wenig später, um sechs Uhr morgens am 6. April 1944, findet der Nachtdienstbeamte den Zeichner Erich Ohser alias e.o.plauen, Schöpfer der Bildergeschichten von „Vater und Sohn“, tot am Fenstergitter, aufgehängt am Handtuch, 41 Jahre alt. Am gleichen Tag wartete der Volksgerichtshof auf ihn. Roland Freisler persönlich, der oberste Nazi-Scharfrichter, sollte auf Wunsch von Joseph Goebbels über Ohser richten — wegen „Wehrkraftzersetzung“. Ohser wusste, dass der Tod auf ihn wartete. Und kam den Henkern zuvor.

Der zweite Brief ging an diese Henker. „Sie können stolz sein, der Mörder des Vaters von ,Vater und Sohn‘ zu sein“, schreibt er ironisch. „Möge der Fluch von hunderttausend Kindern auf Sie herab kommen. Mörder, Mörder, Mörder!“

Der Künstler, der zeitlebens schwankte zwischen Triumph und Depression, wurde an die Gestapo verraten von zwei Nachbarn in Berlin-Kaulsberg. Seitenlang protokollierte das Denunziantenpaar, wie Ohser und sein Freund Erich Knauf in einer Berliner Bombennacht „in gehässiger und zersetzender Weise führende Männer des Staates beschimpfen“. Knauf wird im Mai 1944 hingerichtet.

Ohser ist tot. Aber seine berühmtesten Geschöpfe überleben den Krieg. Bis heute haben „Vater und Sohn“ nichts von ihrer Wärme und Herzlichkeit verloren. Nun erscheint eine Fortsetzung: „Neue Geschichten von Vater und Sohn“.

Ohsers Sohn Christian ist drei Jahre alt, als sein Vater das Angebot seines Lebens bekommt: Die „Berliner Illustrirte Zeitung“ (BIZ) sucht eine Bildgeschichte mit „stehender Figur“, also festem Personal. 32 Zeichner hat BIZ-Redakteur Kurt Kusenberg schon vorsprechen lassen. Nichts gefällt. Ohser zeichnet einen gemütlichen Vater mit Schnauzbart, einen kleinen Sohn mit Strubbelhaar. Treffer.

Die Geschichten von der Solidargemeinschaft Vater und Sohn, die Ohser „über das Auge durch das Herz aufs Papier“ bringt, feiern im Advent 1934 Premiere. Es sind Alltagsidyllen in kalten Zeiten, Balsam auf die Seele der ideologiemüden Deutschen. Die rundliche Gemütlichkeit des Vaters und die Struwwelpetrigkeit des Sohnes, sind der Gegenpol zum schneidigen Herrenmenschenideal der Nazis.

Aber es gibt ein Problem: Ohser ist nicht Mitglied der Reichskulturkammer, hat Goebbels wegen seines tänzelnden Ganges einst als „rollendes Goebbelchen“ verspottet. Man erlaubt ihm, Unpolitisches unter Pseudonym zu veröffentlichen. Und so wird aus Erich Ohser für eine Gebühr von 2,50 Reichsmark beim Polizeiamt Schöneberg „e.o.plauen“. Insgesamt 157 Episoden erscheinen donnerstags in der „Illustrirten“, dann in drei Sammelbänden und nach dem Krieg im Südverlag in Konstanz, bei diversen Lizenznehmern und im ostdeutschen Eulenspiegel-Verlag.

„Vater und Sohn“ machen auch Propaganda, ein Zugeständnis an Goebbels. Sie besuchen 1936 die Athleten im Olympischen Dorf, werben für das Winterhilfswerk und die Sächsische Landeslotterie. Irgendwann wird es Ohser zu viel, er wirft hin. Vater und Sohn entschweben in der letzten Zeichnung „Abschied, oder: Das größte Abenteuer“ zum Himmel hinauf, der Vater wird zum schnauzbärtigen Mond, der Sohn zum kleinen Stern daneben, viele Leser weinen.

In einem verzweifelten Versuch, sich den Nazis zu Gefallen zu machen, wird Ohser 1940 zum Propagandazeichner für das Renommierblatt „Das Reich“. Scharf sind die Karikaturen aus dieser Zeit, gegen die Alliierten, England, Stalin. Vor sich selbst entschuldigt er sich, er sei bloß Patriot, zeichne gegen Deutschlands Feinde, nicht für die Nazis. Privat aber wettert er lautstark gegen Hitlers Mörderbande. Er war schwerhörig, deshalb oft weithin zu hören. Am 28. März 1944 klingelt die Gestapo.

Neue Geschichten von Vater und Sohn
Marc Lizano, französischer Illustrator des Comics „Das versteckte Kind“, entdeckte „Vater und Sohn“ — und regte eine Fortsetzung an. Als Partner wählte er den deutschen Comic-Künstler Ulf K. (eigentlich: Ulf Keyenburg). In „Neue Geschichten von Vater und Sohn“ frischt das Duo den Klassiker behutsam auf, optisch im Zweifarbton mit Schwarz und Ziegelrot, inhaltlich mit Themen auch aus der aktuellen Erlebniswelt. „Wir können Geschichten erzählen, die Ohser wegen Zensur und drohendem Berufsverbot nicht erzählen konnte“, sagt Ulf K.
72 Seiten, 14,99 Euro, Verlag Panini

Imre Grimm

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