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Überlebenskampf in einer Welt der Zombies

Hamburg Überlebenskampf in einer Welt der Zombies

Schauspielhaus Hamburg zeigt Christoph Marthalers Inszenierung von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“.

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Elisabeth (Olivia Grigolli) und Schupo Klostermeyer (Ueli Jäggi), der sie fallenlassen wird.

Quelle: Walter Mair

Hamburg. Was wie eine coole Slapstick-Nummer aussieht, ist ein böses Omen gleich am Anfang. Ein Handwerker steigt eine hohe Leiter hinauf, um die fehlenden Buchstaben über dem Eingang des Anatomischen Instituts anzubringen. Unter seinem Tritt zerbersten mehrere Sprossen, der Mann packt seine Sachen und zieht unverrichteter Dinge ab. Die Schrift an der Anatomie, der die arbeitslose Elisabeth ihre Leiche für 150 Mark anbieten will, bleibt bruchstückhaft, und Stückwerk ist das ganze Leben. Alle Anstrengungen der jungen Frau, aus dem Elend ihres Daseins herauszukommen, scheitern – an den gnadenlos vollstreckten wirtschaftlichen Verhältnissen und den in ihren Egoismus eingesponnenen Menschen. In seinem Stück „Glaube Liebe Hoffnung“ von 1932 seziert Ödön von Horváth vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise eine auseinanderbrechende Gesellschaft mit massenhaft zerbrechenden Schicksalen.

Inszeniert von Christoph Marthaler in Anna Viebrocks genial klaustrophobischem Bühnenbild, ist das Drama nun als Gastspiel der Berliner Volksbühne im Hamburger Schauspielhaus zu sehen. Ein großer Abend. In dreieinhalb Stunden entfaltet sich der unverwechselbare Marthaler-Kosmos, der gekennzeichnet ist durch eine dem heutigen Regietheater fremde Entschleunigung, die oft bis zum Stillstand getrieben ist. Langsamkeit gleich Langweiligkeit? Keine Spur. Gerade durch die Kunst des Regisseurs, die Zeit zu dehnen, wird sonst Verborgenes sichtbar: Stimmungen und Schwingungen, die seismographisch innere Regungen und Erregungen anzeigen. So es die überhaupt noch gibt. Bei Marthaler wirken die Figuren wie Zombies, seelenlose Menschen in einer seelenlosen Gesellschaft.

Der Schupo Klostermeyer (stark: Ueli Jäggi), scheinbar ein Gemütsmensch, lässt Elisabeth sofort im Stich, als sie in die Mühlen der Justiz gerät; die Frau Amtsgerichtsrat (grandios: Irm Hermann) schwankt ob des traurigen Schicksals der jungen Frau zwischen oberflächlichem Bedauern und lustvollem Voyeurismus; ihr Mann (hinreißend komödiantisch: Josef Ostendorf) ist ein ekliges Macho-Monster; die Geschäftsfrau Irene Prantl (Bettina Stucky) verbirgt hinter der Maske der Biederfrau die skrupellose Ausbeuterin.

Lauter Untote, unter denen Elisabeth wie die einzig wirklich Lebende erscheint. Marthaler spaltet die Gestalt auf in zwei Figuren, vor allem wohl deshalb, um ihr tristes Leben nicht wie ein bloß

individuelles Schicksal aussehen zu lassen. Olivia Grigolli und Sasha Rau spielen die aufgesplittete Elisabeth, lassen unterschiedliche Facetten der Figur differenziert aufschimmern. Am Ende, wenn Elisabeth ins Wasser gegangen ist und auf einer Polizeistation stirbt, dürfen sie sich in die Arme schließen und kuschelig in ein Bett verkriechen. Ein gnädiges Happy End? Nein, eine Geisterstunde.

Und geisterhaft geht es die ganze Aufführung über zu. Aus dem Orchestergraben, wo Notenständer und Instrumente aufgebaut sind, erklingen immer wieder Bruchstücke berühmter Kompositionen wie Chopins Trauermarsch, gespielt wie von Geisterhand, denn Musiker sind nirgendwo zu sehen. Nur ein Dirigent (bizarr: Clemens Sienknecht) fuchtelt wie wild. Ein Zombie auch er. Weitere Vorstellungen: 5. und 10. Juni. Karten: (040) 24 87 13.

Hermann Hofer

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