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Kultur im Norden Ulrich Tukur – wenn Rache zum Verhängnis wird
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19:12 15.01.2018
Zu einer „literarisch-musikalischen Lesung“ über den Roman „Moby Dick“ bat am Sonntag Ulrich Tukur (Foto) mit Sebastian Knauer am Klavier ins Kolosseum.
Lübeck

Es ist ein Parforceritt durch den Roman, auf den Ulrich Tukur das Publikum in seiner temporeichen Rezitation mitnimmt. Und so ist der Abend über Kapitän Ahab und seine Jagd nach dem weißen Wal, die ihm bereits ein Bein genommen hat und ihn später das Leben kosten soll, statt der angekündigten 90 bereits nach 75 Minuten beendet.

Die allerdings haben es in sich. Mit seiner wandelbaren Stimme wechselt er vom einfühlsamen Erzähler Ismael über den Slang sprechenden Zimmervermieter bis zu den hasserfüllten Schreien des Kapitäns facettenreich in alle Tonlagen. Fast atemlos scheinen die Zuhörer an seinen Lippen zu hängen und erholen sich in den musikalischen Pausen.

Sebastian Knauer spielt am Klavier eine behutsam auf den Vortrag abgestimmte Musikfolge aus Werken von Liszt, Weill, Dvorák und Chopin über Bernstein bis zu mehreren Passagen aus Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Zwischen Tukur und Knauer gibt es auf der von Scheinwerfern ganz in blauschwarzes Licht getauchten Bühne ein perfektes Wechselspiel zweier Erzähler, die sich wunderbar ergänzen.

Der Schauspieler, wie oft in ein schwarzes Sakko, weite 30er-Jahre-Hosen und ein bretonisches Fischershirt gekleidet, sitzt an einem mit schwarzem Tuch bedeckten Tisch, erhellt von einem Spot.

Zurückhaltend, doch mit pointierten Gesten unterstreicht er seinen Vortrag, gönnt sich hier und da kleine Hinweise zum Weltgeschehen, Afghanistan oder den amerikanischen Wahlkampf. Sorgsam legt er Blatt für Blatt seines Skripts beiseite, doch dann: „Du lieber Gott, es ist passiert, was ich befürchtet habe. Die Seite ist weg!“, sagt ein für Sekunden um Fassung ringender Tukur. Blätterrascheln, Sortieren, Aufatmen: „Nein, da ist sie ja!“ Vom amüsierten Publikum gibt es Applaus.

Gleich ist man wieder im Geschehen, hört Kapitän Ahab, der die Crew der „Pequod“ zusammenruft, dem Ersten, der den weißen Wal entdeckt, eine Goldmünze verspricht und sie zur Motivation gleich an den Mast nagelt. „Moby Dick den Tod“ schreit die Mannschaft, „für den Rachefeldzug bereit“. Nur Steuermann Starbuck warnt voll böser Vorahnung. Schaudern ergreift die Zuhörer. Wenn Tukur liest, wie Ahab ganz vorn in einem der Boote steht, die Harpune in der Hand, sieht man ihn vor sich. Das Drama nimmt seinen Lauf. Im Kampf mit dem weißen Wal, der „behangen mit den Harpunen des Vortags“ aus dem Meer aufsteigt, die „Pequod“ und ihre Boote zerstört und samt Männern „in einem einzigen Strudel“ mit in den Abgrund reißt. Nur einer überlebt – Ismael, der Matrose, der Erzähler. Ende des Dramas. Stille.

Tukur und Knauer treten an den Bühnenrand, müssen sich immer wieder verbeugen. Einige Plätze sind leer geblieben an diesem Abend – schade. Wer nicht da war, hat eine großartige Vorstellung voller Intensität verpasst.

Von M. Janke-Hansen

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