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Unpassend für die junge Republik

BUCHTIPP Unpassend für die junge Republik

Ruth Bender über Siegfried Lenz' Roman "Der Überläufer". Es sollte Anfang der 50er Jahre eigentlich Lenz' zweites Buch werden, erschien aber erst jetzt. Kein Wunder, geht es doch um brisanten Stoff: Ein Wehrmachtssoldat wechselt in dem Roman die Fronten und läuft zur Roten Armee über.

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„Der Überläufer“ von Siegfried Lenz erscheint bei Hoffmann und Campe am 10. März,  370 Seiten, 19,99 Euro.

Man kann sich vorstellen, wie die Herren im Verlag gerungen haben: Ein Wehrmachtssoldat, der mitten im Krieg die Seiten wechselt und sich den Partisanen der Roten Armee anschließt. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern um sein Leben zu retten. Eine Geschichte, die 1951/52 dem Wiederaufbau-Elan der Adenauer-Republik womöglich die Stimmung verhagelt hätte.

Nach dem Erfolg von „Es waren Habichte in der Luft“ (1950), der dem jungen Autor beim Verlag Hoffmann und Campe gleich den Vertrag für einen zweiten Roman einbrachte, sollte „Der Überläufer“ Siegfried Lenz‘ zweites Buch werden. Eine Art Kriegsbericht, erzählt entlang der Odyssee des jungen Walter Proska. Der kommt wie Siegfried Lenz aus Lyck in Masuren und ist in seiner pragmatischen Art ein typischer Lenz-Protagonist.

Proska ist nach dem Heimaturlaub auf dem Weg an die Ostfront, als sein Zug explodiert. So strandet er als einziger Überlebender im Nirgendwo Ostpolens — am „Kontrollpunkt 25“, an dem der Unteroffizier Willi Stehauf mit einer Handvoll Soldaten Bahndamm und Stellung verteidigt, junge Kerle jenseits des Heldischen.

Siegfried Lenz schildert das Kriegsgeschäft brutal akribisch, beinahe überscharf, aber ohne doppelten Boden und sachlich wie im Obduktionsbericht. Ein lakonisches Requiem. Da ist wahrlich nicht alles aus einem Guss im „Überläufer“, den die Siegfried- Lenz-Stiftung und Hoffmann und Campe entdeckt haben und nun, zwei Jahre nach dem Tod des Autors, herausbringen. Aber alles, was den Schriftsteller Lenz ausmacht, ist schon da. Die lakonisch- schneidenden Formulierungen, die liebevollen Naturbetrachtungen auch. Eine erste Fassung seines Romans hatte Lenz 1951 noch unter dem Titel „ da gibt‘s ein Wiedersehen“ eingereicht — und auf Aufforderung seines Lektors Otto Görner umfassend bearbeitet. Mit so deutlicher Betonung auf dem Seitenwechsel des Protagonisten — der nach Kriegsende zunächst auch im sozialistischen Räderwerk der DDR funktioniert, dann aber ein weiteres Mal die Falschheit des Systems erspürt —, dass die zweite Fassung 1952 dauerhaft in der Schublade des Verlags verschwand.

„Der Überläufer“ von Siegfried Lenz erscheint bei Hoffmann und Campe am 10. März,  370 Seiten, 19,99 Euro.

Ruth Bender

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