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„Unsere Position in Lübeck ist entscheidend!“

LN SERIE: WINSTON CHURCHILL-AUSSTELLUNG „Unsere Position in Lübeck ist entscheidend!“

Teil 1: Historiker Jan Lokers über Churchills Wettrennen mit Stalin um die Eroberung Lübecks.

Kriegsende in Lübeck: Britische Panzer rücken in den ersten Maitagen 1945 auf die Stadt vor. FOTO: STADTBIBLIOTHEK LÜBECK

Lübeck. Mittwoch, 2. Mai 1945, in Lübeck: An diesem Tag entscheidet sich das Wettrennen zwischen den westlichen Alliierten und der Roten Armee um Lübeck und Norddeutschland.

Winston Churchill selbst hatte dieses Wettrennen zuvor ausgerufen: Am 19. April 1945 hatte er an den britischen Außenminister Anthony Eden geschrieben: „Es ist außerordentlich wichtig, dass (Feldmarschall) Montgomery Lübeck sobald wie möglich einnimmt, dafür hat er, wenn nötig, ein zusätzliches amerikanisches Armeekorps zu Verfügung, um seinen Vormarsch zu beschleunigen. Unsere Ankunft bei Lübeck vor unseren russischen Freunden würde uns viel Streit später ersparen. Es gibt keinen Grund, warum die Russen Dänemark besetzen sollten, da es ein Land ist, das befreit werden und dessen Souveränität wiederhergestellt werden muss. Unsere Position in Lübeck, wenn wir es erobern, ist entscheidend in dieser Hinsicht.“

In der Tat gelang, was der englische Premier wünschte: Am Nachmittag des 2. Mai 1945 rattern die ersten britischen Panzer in die Hansestadt. Heraufkommend von der belebten Holstenstraße erobern sie die Stadt; die Einheiten gehören zur 11. britischen Panzerdivision, die über die Autobahn nach Lübeck vorgedrungen sind; andere Einheiten kommen über die Landstraße vom Lauenburgischen her. Am gleichen Tag gelingt es britischen und amerikanischen Streitkräften, die Rote Armee vor Wismar und vor Schwerin aufzuhalten. Damit sind auch Teile Mecklenburgs in der Hand der Westalliierten (später räumen sie diese Gebiete wieder, die Rote Armee rückt ein).

Über Radio war den Lübeckern am Vormittag des 2. Mai der bevorstehende Einmarsch verkündet worden, und die „Lübecker Zeitung“ meldete: „Der Führer gefallen“ (er hatte sich am 30. April in Berlin erschossen). Die Nachricht offenbarte auch dem Letzten, was die Stunde geschlagen hatte. Das „Tausendjährige Reich“ ist nach zwölf Jahren am Ende. Obgleich die Stadt kampflos übergeben werden soll, wird noch geschossen. An diesem Tag sterben noch 42 Menschen in Lübeck. Um 15.25 Uhr hatte man unter den englischen Einheiten die Aussage eines gefangenen deutschen Soldaten gemeldet, „dass in der Stadt der Befehl ergangen sei, keinen Widerstand gegen die Briten zu leisten, aber man sich zum Kampf gegen die Russen bereithalten sollte“.

Trotzdem feuern Hitlerjungen am Lindenplatz und in der Roeckstraße auf englische Panzer, offenbar vom Kreisleiter der NSDAP, Otto Bernhard Clausen, dazu aufgestachelt. Eine völlig sinnlose Aktion, denn Lübeck ist besiegt. Im Rathaus verhaftet der englische Major Coolay den um seine Auslieferung an die Russen fürchtenden NS-Oberbürgermeister Otto-Heinrich Drechsler; im Zeughaus wird Polizeipräsident und SS-Mann Walther Schröder abgeführt.

Churchill erwies sich mit seinem April-Appell an Montgomery als ein Mann von Weitsicht. Er sah bereits den Kalten Krieg und die Gebietsverteilungen zwischen Ost und West voraus. Den Blick auf die Nachkriegszeit gerichtet, erklärte der englische Premier daher Lübeck zu einem der Schwerpunkte der letzten englischen Kriegsanstrengungen. Die Hansestadt sollte nicht von den Russen erobert werden, um einen Vorstoß der Roten Armee nach Schleswig-Holstein und Dänemark zu vereiteln.

In Lübeck löste die englische Besetzung nur unter den Zwangsarbeitern, politisch und rassisch Verfolgten Begeisterung aus, die deutsche Bevölkerung war lediglich erleichtert, dass die Engländer die Stadt erobert hatten. Flüchtlinge aus dem Osten hatten Berichte über Misshandlungen, Erschießungen und Massenvergewaltigungen von Rotarmisten in die Stadt gebracht, die manche hier das Schlimmste befürchten ließen.

Die Nachricht vom glücklichen Ausgang des Wettlaufs um unsere Stadt kam nicht bei allen sofort an: Thomas Mann notierte einer Fehlinformation aufsitzend just an diesem 2. Mai 1945: „Auch Lübeck von den Russen besetzt“; das dürfte ihn für seine Heimatstadt geschmerzt haben. Manns Bemerkung aber zeigt, wie knapp das Rennen war. Es fehlte nicht viel, dann wäre aus Lübeck eine Stadt in der sowjetischen Besatzungszone und damit der späteren DDR geworden.

Stalin hätte diesen wichtigen Vorposten im Westen wohl kaum wieder hergegeben. Allerdings wäre Lübeck eine DDR-Metropole ohne Rathaus gewesen. Einem Zeitzeugenbericht zufolge hatten führende Nationalsozialisten der Stadt folgenden Plan: Wäre die Rote Armee tatsächlich einmarschiert, wollten sie das Rathaus mit Freund und Feind in die Luft sprengen.

Unser Autor Jan Lokers ist Direktor

des Archivs der Hansestadt Lübeck

Churchill – das Universalgenie

Winston Churchill (1874- 1965) hat die Geschichte des 20. Jahrhunderts stark beeinflusst. Er war britischer Premier während des Zweiten Weltkrieg und stimmte die Briten auf den Widerstand gegen Hitler- Deutschland ein, 1945 musste er seine Teilnahme an der Potsdamer Konferenz nach seiner Wahlniederlage abbrechen. In den 1950er Jahren regierte er noch einmal.

Fast vergessen ist, dass Churchill 1953 den Literaturnobelpreis für sein sechsbändiges Werk „Der Zweite Weltkrieg“ bekam. Völlig verborgen geblieben ist, dass er auch malte. Seinen beiden künstlerischen Talenten widmet sich jetzt die Ausstellung im Lübecker Günter Grass-Haus. mib

LN

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