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Unterwegs in den Bergwerken der Sprache

Lübeck Unterwegs in den Bergwerken der Sprache

Wunderbare Performance im Theater Lübeck: Nora Gomringer und Günter „Baby“ Sommer brachten „Grimms Wörter“ auf die Bühne.

Lübeck. „Grimms Wörter“, erschienen 2010, hat Günter Grass als Endpunkt seines literarischen Werkes gesehen. Das wurde dieses Buch letztlich nicht, aber dennoch ist es eine Art Resumee des Verhältnisses des Autors zur deutschen Sprache. Mehr noch: Es ist eine Liebeserklärung an diese Sprache, die für Grass Heimat bedeutete, nachdem er seine wirkliche Heimat Danzig verloren hatte. Gemeinsam mit seinem jahrzehntelangen Schlagzeuger- Freund Günter „Baby“ Sommer wollte Grass eine Bühnenfassung von „Grimms Wörter“ aufführen, den Text hatte er bereits eingerichtet. Grass‘ Tod verhinderte das Vorhaben. In Lübeck hatte die Bühnenversion des Buches am Sonntag Premiere. Neben Günter Sommer wirkte die Lyrikerin und Rezitatorin Nora Gomringer mit.

Die Matinee wurde zum reinen Vergnügen. Günter Grass hat seinen Text geschickt gekürzt und auf ein 90-Minuten-Format gebracht, unterhaltsam und dennoch informativ. Wie Nora Gomringer diesen Text vortrug, hatte Format. Sie sprach zu Beginn etwas schnell als sie Grass‘ Bemerkungen über den Buchstaben „A“ las, im Verlauf verlangsamte sie das Lesetempo dann. Von Anfang an aber war ihre Textgestaltung bewundernswert. Jede Silbe war verständlich, ihr Vortrag entwickelte eine große Sogkraft, so dass das Publikum im Großen Haus des Theaters wie gebannt an ihren Lippen hing.

Günter „Baby“ Sommer ist eine Legende in Jazzer-Kreisen, seit 1985 trat er gemeinsam mit Günter Grass auf. Und gemeinsam mit Nora Gomringer brachte er „Grimms Wörter“, die ja eigentlich Grass‘ Wörter sind, zum Tanzen. Mit großem Instrumentarium von der Trommel bis zum gestrichenen Vibraphon leuchtete er die Dunkelkammern und Bergwerke der Sprache aus. Ostinati, dynamisch differenziert gestaltet, wechselten sich mit Geräuschkaskaden ab, einmal griff Sommer sogar zu Maultrommel und zur Mundharmonika. Mit einem großen Eimer voller Küchengeräte produzierte der Schlagzeuger gang einfach Krach — aber der illustrierte eindringlich die Kakophonie des Krieges.

Aus der Musik des Percussionisten und dem Vortrag der Rezitatorin ergab sich ein Gesamtkunstwerk der besonderen Art. Schlagwerk-Klänge ergänzten den literarischen Text nicht nur wie gute Filmmusik.

Die Musik und der Text begegneten sich auf Augenhöhe, zwei gleichwertige Elemente dieser eindrucksvollen Performance.

Wie die beiden Protagonisten aufeinander eingingen, sich immer wieder verständigten und sich immer wieder anlächelten, bewies tiefes Verständnis für das Projekt, an dem Nora Gomringer und Günter „Baby“ Sommer lange gearbeitet haben. Beide schienen in dem Text zu leben, sie gestalteten ihn sozusagen von innen heraus. Die Zuhörer waren gebannt von dieser Darbietung, bei der auch die Deutung des Textes nicht zu kurz kam.

Günter Grass hat in diesem Buch über die Philologen-Brüder Grimm immer wieder Bezüge zu seinem eigenen bewegten Leben hergestellt. Deshalb hat man ihm Eitelkeit und Ichbezogenheit unterstellt, in mancher Hinsicht wohl sogar zurecht. In dieser Form der Aufbereitung als Synthese von Klang und Wort aber gewann der Text eine ganz andere Dimension. Grass war kein Philologe, aber er war ein Liebhaber des Wortes. Viele Menschen im Publikum werden darüber nachgedacht haben, wie schön es gewesen wäre, hätte Grass seinen Text noch selbst lesen können.

Von Jürgen Feldhoff

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