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Kultur im Norden Urgestein der Hamburger Szene
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19:12 17.10.2017
Gottfried Böttger spielte mit Leidenschaft Klavier, egal ob im Konzertsaal, in der Kneipe oder für caritative Zwecke. Quelle: Fotos: Imago/archiv
Hamburg

Mitte der 1970er Jahre war das, vor mehr als 40 Jahren, als in Hamburg plötzlich Bands wie Pilze aus dem Boden schossen, die Dixieland- und Jazzelemente mit Rock und Pop mischten und dazu deutsche Texte schrieben, die oftmals ganz einfach nur komisch waren. Später berühmt gewordene Leute gehörten zu dieser Szene, Udo Lindenberg, Otto, Marius Müller-Westernhagen, Hans Scheibner und der dicke Willem. Und natürlich Gottfried Böttger, der zusammen mit seinem Freund Lonzo, dem „Teufelsgeiger von Eppendorf“, die Hymne auf diese Zeit aufnahm: „Hamburg ’75“. Mensch, das war wirklich gemütlich, als die Musik noch mit der Hand gemacht wurde und in der Nacht noch ein richtiger Mond schien. Böttger hatte bereits 1969 die Band Leinemann gegründet, die sich im Jazz-Pop-Bereich tummelte und mit „Mein Tuut Tuut“ sogar einen mittleren Hit hatte.

Seine erste Soloplatte veröffentlichte Gottfried Böttger 1971, zwei Jahre später gründete er die Rentnerband, ebenfalls 1973 entstand Udo Lindenbergs Panikorchester. Es war eine Art großer Familie, viele der Musiker wohnten in einer WG in Winterhude. Einen echten Hit hatte Böttger 1974 mit seiner deutschen Version von Scott Joplins Ragtime „The Entertainer“, die durch den Film „Der Clou“

bekannt geworden war.

Gute Laune herrschte damals, es war die Zeit vor dem deutschen Herbst 1977, das Lebensgefühl war leicht und locker, die Haare der Männer lang und die Röcke der Frauen kurz. Und es war eine Zeit der Innovationen, sogar im Fernsehen. Radio Bremen sendete die erste deutsche Talkshow „III nach 9“, das war 1974, noch heute gibt es das Format. Und 40 Jahre lang spielte Gottfried Böttger im Bremer Studio Klavier, atemberaubende Boogies zumeist. Zum 40-jährigen Bestehen der Talkshow mit der Ausgabe am 14. November 2014 nahm er seinen Abschied aus der Sendung, da war er 65 Jahre alt. „III nach 9“ fehlt seitdem ein prägendes Element, inhaltlich ist aus der einst aufmüpfigen Sendung, in der auch Querköpfe wie Fritz Teufel ihr Wesen trieben, längst eine konventionelle Personalityshow geworden – daran konnte auch Gottfried Böttger nichts ändern. Der war ebenso aus der Mode gekommen, seine vielen Bluesaufnahmen wurden zwar von der Kritik gelobt, verkauften sich aber nicht sonderlich gut. Die Hamburger Szene war 1980 schon mausetot.

Gottfried Böttger schrieb statt Blues- und Jazznummern jetzt Musik für „Tatort“-Folgen und für die in seiner Heimatstadt Hamburg spielende Vorabendserie „Großstadtrevier“. Seit 1978 komponierte Gottfried Böttger zahlreiche Bühnenmusiken in Hamburg, Bremen und Göttingen, unter anderem für „Die Wanze“ von Majakowski und „Kaspar“ von Peter Handke. Das tat er mit Erfolg, ebenso das Produzieren anderer Musiker. Eine erstaunliche Zweitkarriere startete Böttger 1997, als er an der Fachhochschule Anhalt Dozent für Mediendidaktik in der Studienrichtung Medieninformatik und dort später zum Honorarprofessor für Digitale Audiotechnik berufen wurde.

Lonzo, Böttgers alter Kumpel, starb bereits 2001 an einem Herzinfarkt, der dicke Willem, der beim NDR als Rundfunkmoderator arbeitete, war bereits 1994 gestorben. Alles Weggefährten, zu denen auch Werner Böhm alias Gottfried Wendehals gehörte, von dem man seit seinem Auftritt im „Dschungelcamp“ auch nicht mehr viel gehört hat. Gottfried Böttger war immer einer der seriöseren der Szene, was ja auch seine akademische Karriere belegt. Ein sehr guter Pianist, ein Vollblutmusiker, immer hilfsbereit und für caritative Projekte zu haben. Gottfried Böttger war ein Perfektionist, er spielte mit Leidenschaft Klavier, egal ob im großen Konzertsaal, in der verrauchten Kneipe oder bei der Eröffnung der Cafeteria der Lübecker Schule am Koggenweg. Ein großer Musiker, ein toller Typ – einer, der fehlen wird. Und vor allem einer, der die Musik noch mit der Hand gemacht hat. Wie in Hamburg 75.

Von Jürgen Feldhoff

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