Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Verbotene Liebe
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Verbotene Liebe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:30 13.09.2017
Theodor Storm Quelle: Axel Heimken/dpa
Anzeige
Lübeck

Aber sie konnten nicht lassen voneinander, und dann wurde doch noch alles gut. Jochen Missfeldt erzählt diese Geschichte in „Sturm und Stille“, einem Roman auf der Schwelle zwischen Dichtung und Wahrheit.

Nach dem Tod seiner Frau heiratete Storm seine Geliebte Dorothea.

Es hat diese Liebe wirklich gegeben zwischen Storm und Doris Jensen, die eigentlich Dorothea hieß. Sie war neun Jahre jünger als er, Tochter eines geachteten Holzhändlers in Husum und kaum dem Kindesalter entwachsen, als sie ihn aus der Bahn warf. Von einer „feinen, zarten Blondine“ schrieb er in einem Brief an seinen Freund Hartmuth Brinkmann und notierte: „Als sie gegangen, sagte ich mir betroffen, daß dieses Kind mich liebe.“

Das tat dieses Kind tatsächlich. Aber dann heiratete Storm Constanze Esmarch aus Segeberg, seine Cousine und Tochter des dortigen Bürgermeisters, bekam mit ihr sechs Kinder und ging seiner Wege.

Doris Jensen musste sehen, wo sie blieb. Während aber vom großen Dichter vieles überliefert ist, bewegt sich ihr Leben oft im Ungefähren. Es gibt nur einige Briefe, aus denen es sich rekonstruieren lässt. Diesen Hinweisen sei er in seinem Roman gefolgt, schreibt Missfeldt. Und wo sich ihre Spur verlor, habe er mit „Phantasie, Einfühlung und Lektüre“ ausgeholfen.

Allerdings ist diese Freihändigkeit gut geschult, schließlich hat er vor vier Jahren eine große Stormbiografie vorgelegt und kennt sich bestens aus in Leben und Werk des Dichters. Das merkt man „Sturm und Stille“ natürlich an. Immer wieder baut er Elemente aus Storms Novellen und Erzählungen ein oder lässt Dinge aus dem wirklichen Leben auftauchen. Und ein Gefühl für Sprache, die Storm’sche zumal, hat er sowieso.

Dabei war Doris nicht Storms erste Liebe und die jüngste ebensowenig nicht. Da gab es Bertha von Buchan vor ihr, tatsächlich noch ein Kind, das Storm mehr als nur faszinierte. Als er ihr 1837 das erste Gedicht widmete und darin vom „Liebchen“ und der „wundersüßen Braut“ sprach, war sie gerade mal neun Jahre alt und er ein angehender Student. Er wollte sie heiraten nach der Konfirmation, das war der Plan. Er beschenkte sie mit Gedichten und Märchen, er schrieb ihr, besuchte sie, das alles mehr als fünf Jahre lang. Aber sie wies ihn ab, und Storm war tief gekränkt. Auch eine Verlobung mit Emma Kühl hatte es gegeben, einer Freundin seiner Schwester Helene. Aber sie währte nicht lang. Doris Jensen dagegen, eine Freundin von Storms anderer Schwester Cäcilie, beschäftigte ihn lebenslang.

Jochen Missfeldt stellt sie uns als eine durchaus selbstbewusste junge Frau vor, die aber um die Konventionen ihrer Zeit weiß. Man begleitet sie auf ihren Stationen als Hausmädchen und Kinderfrau, als Gesellschafterin in verschiedenen Häusern zwischen Fobeslet und Segeberg. Man ist dabei, als Storm ihr zur Liebesnacht in den Wald folgt, eine Szene, die so auch in seiner Novelle „Ein grünes Blatt“ zu finden ist. Man erfährt von ihren Sehnsüchten und geplatzten Träumen.

Ob Storms Frau Constanze von der Affäre wusste? Im Roman lässt Missfeldt daran wenig Zweifel. Trotzdem hielt die Ehe, aber nicht ewig. Als Constanze erkrankte und 1865 starb, war der Weg frei für Doris. Sie wurde im Jahr darauf Storms zweite Frau.

Zwölf Jahre blieben ihnen noch, dann machte sich Storm an seinem Alterssitz in Hademarschen an den „Schimmelreiter“, legte ihn beiseite und starb wenige Wochen später. Seine Frau überlebte ihn um fünfzehn Jahre. In der Todesanzeige vom Februar 1903 war sie eine andere geworden. Jetzt hieß sie „Frau Amtsgerichtsrat Dorothee Storm“.

Jurist und Dichter

Theodor Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren. Er stammte aus einer alten holsteinischen Patrizierfamilie. Storm besuchte die Gelehrtenschule in Husum, dann ein Gymnasium in Lübeck.

Er studierte Jura und wurde 1843 Rechtsanwalt in Husum, später Amtsrichter.

Schon als Schüler begann er zu schreiben und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Vertreter des „bürgerlichen“ beziehungsweise „poetischen Realismus“. Als Erzähler (58 Novellen) war er anfangs nicht frei von Sentimentalität, wurde jedoch zunehmend dramatischer. Seine berühmtesten Werke sind „Pole Poppenspäler“ und „Der Schimmelreiter“.

Er starb am 4. Juli 1888 in Hademarschen/Holstein

Das Buch „Sturm und Stille“ von Jochen Missfeld (352 Seiten) ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

 Peter Intelmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige