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Kultur im Norden Verdrehte Wort-Welten
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18:12 11.11.2016

Vor 100 Jahren tobte in Europa der Erste Weltkrieg. In Zürich in der neutralen Schweiz gründeten Künstler aus verschiedenen Ländern, die sich dem Kriegsdienst entzogen hatten, eine neue Kunstbewegung. Dada war gedacht als Protest gegen die erstarrten Formen bürgerlicher Kultur, gegen die bürgerliche Gesellschaft schlechthin, die die Welt in den Abgrund des Krieges gestürzt hatte. Dada trug zwar nicht dazu bei, den Krieg zu beenden – als Kommentar zur Lage hat die Bewegung dennoch Spuren hinterlassen. Und das auch im neuen Buddenbrookhaus. Bei einer Revue unter Leitung von Kompositionsprofessor Dieter Mack zeigten Studierende auf, wie aktuell 100 Jahre alte Gedichte und Kompositionen noch sein können. Warum können sie das? Weil die Welt 2016 fast ebenso verrückt ist wie 1916.

Kurt Schwitters in einem Fotoporträt von El Lissitzky. Quelle: OZ

Es waren dann auch die bekanntesten Dada-Veteranen, mit denen der Abend begann. Walter Mehring, der in der Zeitschrift „Jedermann sein eigner Fußball“ publizierte, kam zu Wort, ebenso Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara und Marcel Janco. Das Simultangedicht der drei letztgenannten Autoren mit dem Titel, der auf Deutsch „Der Admiral sucht ein Haus zur Miete“ lautet, war ein erster Glanzpunkt des Abends. Die präzise Wiedergabe des Textes war ein Erlebnis – und machte klar, wie eng Lyrik und Musik im dadaistischen Umfeld zusammengehören. Auch in vielen anderen Beiträgen des Abends ging es nicht um „Sinn“ oder „Unsinn“ der Texte. Es ging um ihren Klang, den von Silben und Lauten, von frei erfundenen Worten ohne Zusammenhang, die allein durch Vokale und Konsonanten wirken. Hochvirtuos schaffte das durch den Schlagzeug-Professor Johannes Fischer verstärkte studentische Dada-Korps, ästhetische Sinnzusammenhänge in Texten ohne Sinn deutlich zu machen.

Nachkommen haben die frühen Dadaisten auch noch in unseren Tagen. Ein früher war Kurt Schwitters, Oskar Pastior, einer der Begründer der Konkreten Poesie, gehörte ebenso dazu wie Ernst Jandl und Wolf Wondratschek. Es war der Spaß am Umgang mit Sprache, der diese Autoren Wege beschreiten ließ, die vielen Lesern ausgesprochen seltsam vorkamen. Und das funktioniert auch mit klassischem Vokabular.

Dieter Mack trug die Ritter-Ballade von Fritz Graßhoff vor, in der der Held alle Zweikämpfe gewinnt, weil er verkehrtherum auf dem Pferd sitzt und seine Gegner mit gewaltigen Blähungen aus dem Sattel befördert. Ganze Kriege gewinnt er auf diese Weise – hier hat sich die dadaistische Anti-Sprache in einen Text über einen Anti-Helden verwandelt.

Jürgen Feldhoff

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