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Vereinte schleswig-holsteinische Neutöner

Lübeck Vereinte schleswig-holsteinische Neutöner

Ninon Gloger und ihr Ensemble Radar fusionieren mit einer Gruppe aus Eckernförde – erstes Konzert zum Thema „Neue Heimat“.

Lübeck. Als die Lübecker Pianistin Ninon Gloger vor genau fünf Jahren gemeinsam mit anderen verwegenen Musikern die Konzertreihe „Klangrauschen“ gründete, musste sie sich erst ein Publikum schaffen. Für Neue Musik ist das nicht so einfach. Also packte sie die Kulturbürger bei ihrer Ehre: Wer sich seine Neugierde auf Unerhörtes erhalten habe, wer keine Angst vor unkonventionellen Begegnungen und also den Mut habe, sich neues Terrain zu erschließen – der sei bei „Klangrauschen“ richtig.

 

LN-Bild

Die Lübecker Pianistin Ninon Gloger (33) widmet sich seit 2002 besonders der Neuen Musik. Mit dem neuen Ensemble „Reflexion K“ möchte sie neue Freunde für diese Richtung gewinnen.

Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Das erste Konzert

In Lübeck wird das neue Ensemble am Freitag, 30. September, um 19 Uhr im Hafenschuppen C zu hören sein, eingereiht in die Konzertserie „Kunst am Kai“. In Eckernförde bespielt „Reflexion K“ die St. Nicolai-Kirche am Tag darauf um 20 Uhr.

Zum ersten Konzert mit dem Klarinettenduo Boglarka Pecze und Nora-Louise Müller, beide Absolventen der Lübecker Musikhochschule, kamen immerhin zwei bis drei Handvoll Unerschrockene in das Tanz- und Konzerthaus an der Fackenburger Allee. Sie erlebten Klänge auf der selten gespielten Bohlen-Pierce-Klarinette, die eine utopisch anmutende Klangwelt eröffnen. Das Publikum war angetan, und Ninon Gloger fühlte sich ermutigt, das Abenteuer „Klangrauschen“ weiterzuführen.

Es gab Abende mit der Schauspielerin Corinna Harfouch und der Sopranistin Frauke Aulbert, etliche Uraufführungen mit Glogers Radar-Ensemble, ein Konzert mit 101 Schlaginstrumenten und eines zu Ehren der Sängerin und Komponistin Cathy Berberian, der „Callas der Avantgarde“ in der Essigfabrik. Doch nun, nach einem halben Jahrzehnt, will Ninon Gloger wieder Neues wagen – die Fusion des Radar-Ensembles mit einem weiteren Klangkörper aus Schleswig-Holstein.

In Eckernförde, „und damit quasi im Niemandsland“ der Standorte Neuer Musik (wie Kompositionsprofessor Dieter Mack anmerkt), gibt es seit etwa zehn Jahren das Ensemble „Reflexion K“. Das Dutzend Musiker um den 1960 geborenen Komponisten Gerhard Eckert hat dort das Festival „Provinzlärm“ gegründet und zeitgenössische Klänge „einer tendenziell distanzierten Öffentlichkeit“ (Mack) schmackhaft gemacht.

„Ziel unserer Fusion ist, dass ein Ensemble entsteht, das landesweit vernehmbar wird“, sagt Ninon Gloger. Die vereinten schleswig-holsteinischen Neutöner sollen zudem „einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um Gegenwartsmusik leisten“. Soll heißen: „Die Kräfte werden gebündelt.“ Damit Konzertveranstalter, öffentliche Institutionen und wohl auch Geldgeber nicht mehr so leicht dieser wichtigen Kunstsparte ausweichen können. Das neue Musikforum soll zudem eine Anlaufstelle für Komponisten werden, die bisher nicht wussten, wer ihre Werke zur Aufführung bringen könnte.

Die ersten beiden Konzerte sind geplant und geprobt: In Lübeck und Eckernförde wird sich das vereinte Ensemble, das laut Ninon Gloger vermutlich weiter „Reflexion K“ heißen soll, mit einem für Neue Musik überraschenden Thema melden: Neue Heimat. „Auch wenn unsere Musik überall zuhause sein kann, so suchen wir doch gerade in ihr so etwas wie Heimat“, sagt Pianistin Gloger. „Mit ,Neue Heimat‘

präsentieren wir ein Programm, das sich mit dem Zerbrechen von Stabilität, mit Flucht und mit dem Am-Rand-Stehen beschäftigt.“

Gespielt werden Kompositionen des „Reflexion K“-Mannes Gerhard Eckert, des renommierten Österreichers Georg Friedrich Haas, der von der Alten Musik ausgeht, vom Italiener Emiliano Turazzi, bei dem auch Würfelbecher und Hölzer zum Einsatz kommen, vom 1998 gestorbenen Gérard Grisey, dem Stockhausen Frankreichs, und von Lars Opfermann, einem Kompositionsstudenten von der Musikhochschule Lübeck.

Sein neues Stück wird uraufgeführt.

„Wir spielen einfach Musik von heute“, verspricht Ninon Gloger, „was Pop nie sein kann.“ Popmusik erzeuge stets die Illusion, dass alles bleibt, wie es ist. Doch keine Angst: Experten-Musik oder esoterische Klänge wollen die „Reflexion K“-Musiker nicht bieten. Sie wollen sich vielmehr intensiv um die Vermittlung ihrer Werke bemühen. Und Heimat ist überall.

Michael Berger

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